Wirtschaftskrise (NGZO). Die Wirtschaftskrise hat zu einem Boom bei Pfandleihhäusern geführt. Auch bei der Neusser Filiale des Pfandhauses Brocker spürt man den Aufwind. Ist die Krise der Grund? Nicht nur. Auch der Goldpreis befeuert das Geschäft.
Rhein-Kreis Neuss Das Hinterzimmer der Neusser Filiale des Pfandhauses Brocker ist voller Geschichten, die verpackt sind in kleine Papiertütchen. Manfred Kirchhoff, gelernter Uhrmacher und Mitarbeiter des Ladens an der Niederwallstraße, öffnet die Lasche eines der handtellergroßen Päckchen, schüttelt kurz, und ein mit Diamanten besetzer Goldring fällt leise auf den Holztresen.
"Über 200 Euro wert, der kleine Ring", sagt Kirchhoff und schaut zufrieden über den Rand seiner Brille wie Professor Dumbledore, Leiter der Zauberschule aus Harry Potter. Neben Kirchhoff stehen Filialleiter Manfred Stevens und Geschäftsführerin Sabine Thiel. Beide lächeln einträchtig mit.
Die Zufriedenheit hat einen Grund: "Deutschlands Pfandleihhäuser boomen. Mit (...) einer Darlehenssumme von 510 Millionen Euro seit 2008 ist für die Branche das erfolgreichste Jahr in der Geschichte zu Ende gegangen", teilt der Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes mit. Ein Plus von 8,8 Prozent konnte der Geschäftszweig bei der Darlehensvergabe verzeichnen. "Diese Zahl konnten wir im laufenden Jahr marginal verbessern", sagt Geschäftsführer Wolfgang Schedl.
Der Goldpreis
Der Goldpreis und somit auch der Goldkurs steigen, sobald sich die Wirtschaft in turbulenten Zeiten befindet und die Leute ihr Vermögen mit Gold absichern wollen. In den vergangenen Monaten ist der Preis in immer neue Höhen geschossen und lag gestern bei 1013,40 Dollar je Unze. Um den Handel mit Gold zu erleichtern, ist man zum Handeln von Goldzertifikaten, Goldfonds oder Gold-ETFs übergegangen. Beim Handeln dieser Werte fällt die physische Lieferung des massiven Goldes weg.
Der Boom hat einen Grund: Die Unsicherheit in der Wirtschafts- und Finanzkrise hat den Goldpreis in den vergangenen Monaten befeuert – und Pfandhäuser sind voll mit Goldringen, Goldschmuck, Golduhren. Das bestätigt Sabine Thiel: "Wir beleihen insbesondere Goldwaren, Brillianten – alles, was einen Wert darstellt; und wenn wir früher 300 Euro für ein Goldarmband geben konnten, sind es heute vielleicht 500 Euro." Orientteppiche und Pelze wolle heutzutage dagegen niemand mehr – und alle schauen ein wenig betroffen, als habe Sabine Thiel etwas Ordinäres ausgesprochen.
Man möchte seriös wirken. Denn die rund 200 privaten Leihhäuser ringen noch immer mit ihrem Bild in der Öffentlichkeit. "Im 21. Jahrhundert haben die deutschen Pfandkreditunternehmen das Hinterhof-Image abgelegt", glaubt der Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes. Ist das so? Die Pfandhäuser sehen sich als "Bank für jedermann" – so formuliert es Verbandschef Schedl. Auch Mittelständler würden sich inzwischen mit Geld aus dem Pfandhaus refinanzieren. Der Verbandschef klingt jetzt wie ein Banker. "Es werden teure Werkzeuge beliehen, landwirtschaftliche Fahrzeuge, Wohnmobile", erklärt er.
Bei Brocker lagen auch mal Bilder von Picasso und Chagall im Pfandhaus-Safe – "mit Versicherungspolice natürlich", sagt Geschäftsführerin Thiel. Die Mitarbeiter sind geschult, haben Diamanten- und Gemologen-Lehrgänge absolviert. Das Pfandbusiness ist auch ein Geschäft mit der Skepsis.
Der Mann im gestreiften Pullover, der die Brocker-Filiale betritt, ist eher der Otto-Normal-Kunde. Er fragt nach seinen Beständen, "drei Teile". Er müsse mal sehen, wie viel er aufkriege. Erstmal hat er 40 Euro. Immerhin. 85 Prozent der Sachen würden eingelöst, sagt Thiel. Versteigert werden nicht abgeholte Wertgegenstände im Novotel. Durch Hartz IV sei die Verfallquote gestiegen, so Thiel. Und die Not. "Es gibt auch Leute, die zu uns kommen, um eine Therapie zu bezahlen", sagt Sabine Thiel. Ein Pfandkredit-Vertrag dauert vier Monate. Das sieht die Gebührenverordnung so vor. Eine Gefahr für die Leihhäuser, wenn der Goldpreis sinkt.
Vor der Brocker-Filiale steht eine Werbetafel. Der Ankaufpreis für "Trauringe, 585/15g" liegt bei 120 Euro. Wer einen Ring bringt, bringt auch eine Geschichte. Sie wird verpackt in eine Tüte und verstaut, irgendwo im Hinterzimmer des Geschäfts an der Niederwallstraße.
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