Rhein-Kreis Neuss (NGZO). Die Hochschullandschaft in Neuss brummt: Mit der Europäischen Fachhochschule (EUFH) und der Hochschule Neuss (HN) drängt Konkurrenz für die Fachhochschule für Oekonomie & Management (FOM) auf den Markt. Das Bildungsangebot ist ähnlich. Doch ist auch der Bedarf vorhanden?
Es ist kühl, dunkel und still im Klassenzimmer des FOM-Hochschulstudienzentrums am Hammfelddamm in Neuss, als der Informatik-Professor Torsten Finke (47) an diesem Juni-Abend vor seinen potenziellen Nachwuchs tritt.
Die Fachhochschule für Oekonomie & Management (FOM) hat zu einer Informationsveranstaltung geladen, der Beamer surrt monoton, ein Dutzend Interessenten starrt auf den Professor, der mit seinem roten Zopf und der hohen Stirn wie eine Mischung aus Highlander und Herbert Grönemeyer aussieht. Dann sagt Finke mit kehliger Stimme: "Studium kommt von sich quälen." Das sei wie in der Muckibude. Wer nur an der Saftbar stehe, anstatt auf der Streckbank zu trainieren, bekomme keine größeren Muskeln.
Hochschulstandort
Der Rhein-Kreis Neuss versucht schon länger sich als Hochschulstandort stärker zu etablieren. So hatte sich der Kreis beim Hochschulwettbewerb des NRW-Wissenschaftsministeriums beworben. Ziel war es, dritte Zweigstelle der Hochschule Niederrhein mit Fächern wie "Energiewirtschaft" und "Lebensmitteltechnologie" zu werden. Beim Entscheid des Wissenschaftsministeriums kam der Rhein-Kreis dann aber nicht zum Zug.
"Studium kommt von sich quälen"
Bei der Wahl der Qual haben die Studenten künftig die Qual der Wahl. Zwar bietet die FOM bisher als Monopolist in Neuss seit Jahren ein berufsbegleitendes Studium an, in dessen Rahmen die Kommilitoabends und samstags ReWe, Recht oder Steuern pauken. Ende des Jahres bekommt sie nun Konkurrenz – und zwar gleich doppelt. Bereits Ende 2008 kündigte zunächst die Hochschule Neuss (HN) an, ihren Betrieb zum Herbst aufzunehmen.
"Die Hochschule Neuss geht auf eine Initiative der Stadt zurück", sagt Gründungdekan Professor Dr. Otto Jockel. Mit den Neuss-Düsseldorfer Häfen und der IHK Mittlerer Niederrhein hat die HN starke Partner im Rücken; 50 Unternehmen würden das Modell unterstützen, sagt Jockel, der mit der HN die Lücke im den Bereichen Logistik (Logistics and Supply Chain Management) und Handel (International Trade and Industry Management) schließen will.
Das versucht auch die Europäische Fachhochschule (EUFH) mit Sitz in Brühl, die ebenfalls zum Wintersemester mit einer Dependance in Neuss startet. Die Fächer – Handelsmanagement, Industriemanagement, Logistikmanagement und General Management – sind durchaus ähnlich. 30 Studenten pro Studiengang visiert die EUFH an. Bedenken, mit den anderen Fachhochschulen anzuecken, hat EUFH-Sprecherin Renate Kraft nicht: "Es gibt viele Studieninteressierte."
Die Furcht davor, dass sich die Hochschulen untereinander die Studenten wegnehmen könnten, ist auch bei Jockel gering. "Der Markt ist von Studenten überschwemmt", sagt Jockel. Vom Wintersemester 2001/02 bis zum Wintersemester 2008/09 ist die Zahl der Studierenden an FHs in NRW laut Landesamt für Statistik immerhin von 97 407 auf 120 361 angewachsen. Mit dem doppelten Abi-Jahrgang 2013 wird eine weitere Studentenflutwelle auf die Hochschulen zurollen.
Dass die EUFH Neuss als Markt entdeckt hat, war für HN-Dekan Jockel dennoch "überraschend". Die pikante Note: Sowohl Jockel als auch sein Vize Dr. Fadi Mohsen sind ehemalige EUFH-Professoren.
Im Kampf um die Kommilitonen ist der HN, an der überwiegend in Englisch unterrichtet werden soll, ein besonderer Coup gelungen. Zunächst sollte die Hochschule "Hafen- und Logistik-nah" in ein Gebäude an der Hammer Landstraße einziehen. Das war aus brandschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Nun wird sie Am Markt 11 - 15 residieren. "Unsere Mensen sind Woyton und Extrablatt", sagt der Gründungsdekan der HN, die noch im Genehmigungsverfahren steckt. Die Ziele sind groß: Bis zum Semester 2016/17 ist ein Ausbau der Hochschule auf rund 1600 Studierende geplant.
Die Unterstützer der HN, die noch im Januar lautstark die Werbetrommel gerührt hatten, geben sich angesichts der neuen Wettbewerbssituation zurückhaltender. "Ob es Überschneidungen gibt, muss der Markt zeigen", meint der Neusser Wirtschaftsförderer Andreas Galland, der noch im Dezember geschwärmt hatte: "Das wird zu einer deutliche Belebung der Stadt führen." Er, Galland, sei dennoch "froh über die Situation". Auch Rainer Schäfer, Chef der Neuss-Düsseldorfer Häfen, "wartet ab, wie sich der Markt sortiert". Und Dr. Frank Lorenz, Geschäftsführer bei der IHK Mittlerer Niederrhein, meint: "Neuss könnte durchaus für mehrere Hochschulen ein Pflaster sein."
An der FOM fürchtet man den Wettbewerb nicht. "Konkurrenz ist nichts Schlimmes", sagt Kanzler Dr. Harald Beschorner. Die Unternehmen spendieren ihren Mitarbeitern zwar seltener das Studium, dafür sei die Bereitschaft, privat in die Qualen des berufsbegleitenden Studiums zu investieren, gewachsen. "Und diese Qualen", sagt Informatik-Professor Finke, "sind ein Pfund, mit dem man am Arbeitsmarkt wuchern kann."
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