Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Sie pöbeln, schreien und werden fast schon handgreiflich - die Akteure in deutschen TV-Gerichtsshows, die fast täglich bei Privatsendern wie RTL oder SAT1 für Stimmung und Volksbelustigung sorgen.
Jetzt allerdings schlägt der Deutsche Richterbund Alarm - nach Meinung der Berufsjuristen haben die Gerichtsendungen auf der Mattscheibe einen denkbar schlechten Einfluss auf das, was sich in deutschen Gerichtsälen abspielt. „Zeugen oder Angeklagte in echten Prozessen glauben, sie könnten sich so benehmen, wie sie es im Fernsehen mitbekommen“, sagt Hanspeter Teetzmann, Präsidiumsmitglied beim Deutschen Richterbund, „sie beschimpfen oder beleidigen sich.“
Derartige Erfahrungen musste auch der Neusser Richter Heiner Cöllen machen. „Seitdem es diese TV-Gerichtsshows gibt, geht es rund“, kommentiert er diese Entwicklung verärgert und ergänzt: „Angeklagte beleidigen Zeugen, fallen Staatsanwälten bei ihrem Plädoyer ins Wort oder beschimpfen den Richter. Das hat es früher nicht gegeben.“
So musste Cöllen sich selbst schon von einem Angeklagten während der Urteilsverkündung fragen lassen, ob er hier „im falschen Film“ sei. „Zuletzt meinte ein Angeklagter gegenüber einer Zeugin, sie sei zu blöd zum Parken und zu doof zum Autofahren.“
Cöllen allerdings lässt sich derartige Unverschämtheiten nicht bieten. „Wir haben die Möglichkeit, Ordnungsgelder zu verhängen.“ Derartige „Knöllchen“ können für die Beteiligten teuer werden. Allerdings haben sie kaum Verständnis dafür, wenn sie vom Gericht zur Ordnung gerufen werden. „Sie sagen dann auch ganz offen, dass sie das doch aus dem Fernsehen so kennen“, so Cöllen, „ich sage ihnen dann, dass wir hier im Gericht, und nicht bei Alexander Hold oder Barbara Salesch sind.“
Auch Zuschauer kommen nach Angaben des deutschen Richterbunds häufig mit völlig falschen Vorstellungen ins Gericht. „Sie erwarten kein ordentliches Verfahren, sondern eine Show“, so Präsidiumsmitglied Teetzmann, „als es zuletzt in einem Verfahren drunter und drüber ging meinte eine Frau: ‘Toll, das ist ja wie im Fernsehen.‘ Das sagt schon alles.“
Dabei sollte es nach Meinung von Heiner Cöllen in einem „normalen“ Verfahren auf keinen Fall so zugehen, wie im Fernsehen. „Die Fälle dort sind absolut unrealistisch, pausenlos reden alle Beteiligte durcheinander, immer wieder tauchen unbekannte Zeugen auf, und letztlich stellt sich die ganze Geschichte oft ganz anders dar, als es in der Anklage steht. Da kann ich nur sagen: Oh Graus, oh Graus.“
Schon vor Jahren hatte eine Münchener Studentin in ihrer Magisterarbeit herausgefunden, dass die Zuschauer von TV-Gerichtsshows das Schauspiel kaum noch von der Wirklichkeit unterscheiden können. Umfragen zufolge waren sie der Meinung, nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Gericht würde gepöbelt und beleidigt. Sie gingen davon aus, auch „normale“ Prozesse seien bestimmt „überraschend“, „spannend“ und „laut“. In Wirklichkeit war jedoch zumindest bis vor Jahren noch das genaue Gegenteil der Fall.
Einer, der weiß, wie unrealistisch es in den „Fernseh-Prozessen“ zugeht, ist der Neusser Jost Stupp. Der Koch hatte die Hauptrolle in einer der RTL-Gerichtsshows übernommen.
„Ich war ein Archäologie-Professor, der vom Sohn seines besten Freundes angeblich mit einem Giftpfeil angeschossen worden war“, erinnert sich Stupp. „Die Fernsehmacher wollten, dass im Gerichtssaal die Post abgeht. Wir bekamen gesagt, dass wir immer dazwischen reden und nicht unseren Mund halten sollen.“
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