Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Heinz Davids tobt. Der Bauer vom Lanker Birkenhof kippt lieber Milch für 1000 Euro am Tag in den Gulli als sie für 30 Cent pro Liter zu verkaufen. „Wir haben die Nase mehr als voll. Wir haben die Arbeit, und der Einzelhandel hat den Verdienst - das kann einfach nicht sein“, klagt der Landwirt aus Meerbusch.
Er ist Sprecher des Bundes deutscher Milchviehhalter im Rhein-Kreis Neuss und macht sich für einen Lieferstopp an die Molkereien stark. Und das mit Erfolg. „Wir haben hier rund 50 bis 60 aktive Milchbauern, und weit über die Hälfte davon steht hinter uns. Stündlich werden es mehr“, zog Davids am Mittwoch Zwischenbilanz.
Mit dem Boykott wollen die Landwirte wieder einen Literpreis von 43 Cent wie vor einem halben Jahr erreichen. Sie erhalten ihr Geld von den Molkereien, die die Tarife in Verhandlungen mit dem Lebensmittel-Einzelhandel - in erster Linie mit Aldi - festsetzen. Zuletzt sank der Herstellerpreis allerdings auf rund 30 Cent - viel zu wenig für die Bauern, die steigende Ausgaben für Energie und Futtermittel ins Feld führen. So auch Heinz Davids.
„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, erklärt der 41-jährige Bauer, der 90 Milchkühe und 100 Jungrinder sein Eigen nennt. Für ihn ist der Streik ein Kampf ums Überleben. „Wenn die Proteste nichts bringen, werde ich die Milchproduktion auslaufen lassen“, kündigt der Meerbuscher an. Er gießt die Milch erst einmal in den Abfluss, verfüttert sie an die Tiere oder verteilt sie mit Gülle auf den Äckern. Davids’ Forderung ist klar: „Wir wollen uns keine goldene Nase verdienen, sondern lediglich den fairen, die Kosten deckenden Preis von vor einem halben Jahr wieder haben. Da hilft kein Bitten und Betteln, sondern nur ein Streik.“
RLV übt heftige Kritik am Lebensmittel-Einzelhandel
Der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) geißelte am Mittwoch „die unverantwortliche Ausübung von Marktmacht durch den LebensmittelEinzelhandel“. Deshalb begrüßte er die Einschaltung des Kartellamts durch den Deutschen Bauernverband (DBV). Zusammen mit dem DBV forderte der RLV die Molkereien und Erzeugergemeinschaften unmissverständlich „zu solidarischem Handeln“ auf. Wie der RLV mitteilte, zeigten Meinungsumfragen, „dass sich die Verbraucher den Milchbauern verbunden fühlen und bereit sind, höhere Preise zu zahlen, wenn diese beim Landwirt ankommen“. Die Entscheidung für oder gegen einen Lieferstopp hatte der RLV aufgrund des uneinheitlichen Meinungsbilds seiner Mitglieder jedem Milcherzeuger frühzeitig selbst überlassen.
Der Sprecher der Milchviehhalter geht davon aus, „dass die Kühlregale in den Supermärkten bis zum Wochenende deutlich leerer sein werden“. Gleichzeitig bittet Davids die Verbraucher um Verständnis: „Es geht nicht anders, es geht um unsere nackte Existenz. Die bäuerlichen Familienbetriebe sind wirklich in Gefahr.“ Die Schuldigen für die Misere hat er längst ausgemacht. „Es sind die Lebensmittel-Ketten, die so groß und mächtig geworden sind, dass sie die Molkereien gegeneinander ausspielen können“, zürnt Davids.
Wolfgang Wappenschmidt, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Neuss-Mönchengladbach, ist zurückhaltender. „Im Milch-Fachausschuss auf Landesebene war die Meinung sehr geteilt“, sagt er. Ihn beunruhigt etwa „das Risiko, das mögliche Regressansprüche vertraglich nicht klar geregelt sein könnten“.
Auch die Wirkung des Boykotts auf die Öffentlichkeit bringt Wappenschmidt ins Grübeln. Trotzdem: „Wir brauchen dringend eine bessere Auszahlung, und ich würde den Streik jetzt, wo er läuft, nicht mehr in Frage stellen.“ Der Kreislandwirt wünscht seinen Kollegen denn auch „viel Erfolg“.
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