"Der Gegenstand ist durch seine offenbare Nutzlosigkeit doppelt anziehend", schon George Orwell ließ die Faszination des "Snowstorm Paperweight" nicht los, er verewigte die Schneekugel sogar in seinem Roman "1984". Schneekugel? Das - je nach Standpunkt des Betrachters - schöne, schreckliche, kunstvolle, kitschige, faszinierende, überflüssige, glitzernde, schrille Gebilde hat viele Namen: Schüttelkugel, Schneegestöber, Schütteldom, Schneehäuschen, Glasschüttler, Waterball, Snowstorm und andere mehr.
Auch wenn Schneekugeln das ganze Jahr über Saison haben, was in diesen Tagen in den einschlägigen Geschäften und auf Adventsmärkten angeboten wird, dreht sich, wie könnte es anders sein, um Tannenbäume, Weihnachtsmänner, Schlitten und Geschenkpakete. Auch wenn eingefleischte Sammler des Dauer-Schneegestöbers stets die Faszination und künstlerische Bedeutung betonen, der Kitsch-Faktor der "Schüttelbild-Dekorations- und Sammelobjekte" (Originalaufschrift) geht in vielen Fällen gegen unendlich.
Da schlägt der Weihnachtsmann Purzelbäume im Schnee, "Zinn-Soldaten" aus Plastik (!) paradieren vor Lebkuchenhäusern und unzählige Engel blasen auf Trompeten, Posaunen, Flöten und sogar Saxophonen zum Fest. Und dies bevorzugt in Gold und Silber gehalten, meist mit entsprechend gefärbtem Glitzer-Glitter-Schnee und auf Wunsch mit Spieldosenzusatz zum Jubilieren auf der weihnachtlichen Kaffeetafel. Ein anderer Weihnachtsmann hält sich vor Lachen den Bauch - Hysterie angesichts der Kunstschnee-Dauerberieselung oder Gelächter angesichts der verzückt blickenden Käufer, die ohne mit der Wimper zu zucken 13,99 Mark für das Deko-Objekt auf den Tisch legen?
Genug gelästert! Schließlich stehen in den gläsernen Halbkugeln nicht nur geschmückte Tannen und Krippen im Schneegestöbert. Auch der Kölner Dom, der Eiffelturm und selbst die Pyramiden im alten Ägypten werden Teil einer Mini-Winterlandschaft, von diversen Gipfeln und Wipfeln in den deutschen Bergregionen ganz zu schweigen. Ein Motiv aber fehlt noch und sollte dringend den Bestand in den Regalen der - Neusser - Souvenirgeschäfte ergänzen: Wie wäre es angesichts der frühlingshaften Winter am Niederrhein mit einem Unter-Glas-Modell der neuen Skihalle, tief verschneit und von weißen Flocken umwirbelt?
Mit einem Vorurteil muss allerdings aufgeräumt werden: Schneekugeln kein deutschen Phänomen. Die Engländer sprechen von "Snowstorm" oder "Snowglobe", die Franzosen von "Boule de neige", in den Niederlanden gibt es "Schuddebussen" oder "Sneeuwbollen", in Polen "Wodny domek" und in Spanien die "Bola de nuevo" - und das bereits seit 100 Jahren. Die ersten Schneekugeln, heute kostbare Museumsstücke, waren übrigens mit Sand gefüllt. Heute erkennen Sammler, die längst international organisiert sind, schon am Schnee in der Kugel den Hersteller und das Fabrikationsland. Frank Kirschstein
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