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Rhein-Kreis Neuss: Spiel des Lebens

VON JENS KRÜGER - zuletzt aktualisiert: 01.08.2008 - 21:37

Rhein-Kreis Neuss (NGZ). rhein-kreis neuss Wie viele Paare mit Kinderwagen es gibt, wie viele Schulwege und Kindergärten, hatte Bettina Schneider* vor ihrer dritten In-vitro-Fertilisation (IVF - siehe Infokasten) gar nicht gewusst.

Uni, Karriere, die perfekte Familie (r.). Wenn das nicht klappt, versuchen es manche Paare mit der künstlichen Befruchtung (l.).  Foto: frei
Uni, Karriere, die perfekte Familie (r.). Wenn das nicht klappt, versuchen es manche Paare mit der künstlichen Befruchtung (l.). Foto: frei

Drei Jahre lang hatten sie und ihr Mann Bernd* versucht, ein Kind auf natürlichem Weg zu bekommen, seit zwei Jahren ließ sie sich in der Grevenbroicher „Praxisklinik für Familienplanung, Endokrinologie & Reproduktionsmedizin“ behandeln. 16 000 Euro hatte die IVF bereits aufgefressen, dazu Medikamente, zwei Hormonspritzen am Tag. Und das Kinderglück im Alltag der anderen bohrte sich wie ein giftiger Stachel in ihr Leben.

„Wir sind dann verreist, einfach nur weg, Abstand gewinnen“, sagt Bettina Schneider, und ihr Blick geht ins Leere. Wie dem Ehepaar aus dem Rhein-Kreis Neuss geht es vielen Paaren in Deutschland. Viele sind krank, andere wollen vor dem ersten Kind das Leben genießen.

Zerrbild der Realität

Die Prominenz macht es vor und liefert ein Zerrbild der Realität: Sandra Maischberger, Madonna, Kim Basinger - die Mutter von Popsternchen Sarah Connor gebar im stolzen Alter von 50 Jahren noch einmal Zwillinge. Das Baby mit 40 und auf Bestellung. Kein Problem! Der Dreisatz „Kinder, Küche, Kirche“ ist dem Motto „Karriere, Karriere, Karriere“ gewichen. Und dann vielleicht ein Kind. Doch so einfach ist es in der Praxis nicht immer.

Info
Methoden in der Reproduktionsmedizin

Hormontherapie Aktiviert die Gebärmutterschleimhaut und regt die Reifung der
Eizellen an.

In-vitro-Fertilisation Vor dem Eisprung werden Zellen aus den Eierstöcken entnommen und im Reagenzglas mit dem männlichen Samen zusammengebracht.

Inseminationsbehandlung Wenn die Samendichte des Mannes nicht ausreicht, werden die beweglichen isoliert, zu einem Konzentrat verarbeitet und mit Katheter verabreicht.

Intrazytoplast. Spermieninjektion Mit einer dünnen Nadel werden Spermien in
die Eizelle übertragen.

Das Wartezimmer in der „Praxisklinik“ in Grevenbroich ist lichtdurchflutet. Ein heller Raum voller Hoffnung für die, die herkommen - aber auch voller Bangen. Dr. Jürgen Tigges und Dr. Christian Gnoth sitzen an einem großen, schwarzen Konferenztisch.

Die Reproduktionsmediziner haben vor einigen Wochen einen Coup gelandet, der es bis in die überregionale Presse schaffte. Welt, Süddeutsche, das Deutsche Ärzteblatt berichteten über eine Studie der Ärzte, die anhand eines Hormons herausgefunden haben, wie die Fruchtbarkeit der Frau besser bestimmt werden kann. Erhöht werden kann sie nicht.

„Ab 35 sinken die Chancen auf eine Schwangerschaft rapide, ab 40 verlieren wir jede dritte Schwangerschaft“, sagt Tigges. Die Zahlen des IVF-Registers, das die Qualität der Reproduktionsmedizin sichern soll, machen das deutlich. Ab einem Alter von 35 sinkt die Kurve rapide, während die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ansteigt. Wer raucht oder fettleibig ist, verringert die Chancen auf ein Kind nochmal dramatisch.

Bernd Schneider schaut schuldbewusst. „Ich rauche sehr viel, dazu Fast-Food früher“, sagt er. Und auf den Zigarettenpäckchen stehe auch noch drauf: „Rauchen kann die Spermatozoen schädigen.“ Als Bettina Schneider den erlösenden Telefonanruf bekommt, ist sie Mitte 30. „Dr. Tigges sagte: ,Sie sind schwanger!’ - ich habe es erst nicht glauben können“, sagt Bettina Schneider.

Ein Wunder? Ganz so düster beurteilt Dr. Hans-Joachim Koch, Oberarzt am Johanna-Etienne-Krankenhaus in Neuss, die späte Schwangerschaft nicht: „Ich würde niemandem mit 35 abraten, ein Kind zu bekommen“, sagt er. Die Möglichkeit, einer Risikoschwangerschaft steige nicht dramatisch. Das Baby im reifen Alter bringt auch Vorteile mit sich.

„Ältere Paare sind vor der Geburt in der Regel rühriger, sie erkundigen sich mehr“, sagt Koch. Sie seien auch in Vorbereitungskursen präsenter. Das Kinderkriegen ist im Lebensplan bewusster verankert. „Reifere Frauen gehen damit schon bewusster um“, meint auch die Neusser Hebamme Annette Reimer. Und es gibt auch eine gute Nachricht: Die Zahl der Paare, die ein Kind bekommen haben, ist 2007 im Rhein-Kreis seit Jahren wieder angestiegen.

Dass der Schwangerschaft mit Hilfe von IVF nachgeholfen und Retortenbabys herangezüchtet werden, wurde immer wieder unter ethischen Gesichtspunkten diskutiert. So sagte Margaretha Kurmann vom „Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik“ bei einer Anhörung des Nationalen Ethikrats: „Wenn die Technik auf der Grundlage, Leid einzelner Familien zu verhindern, zugelassen wird, ist nicht auszuschließen, dass künftig alle durch In-vitro-Fertilisation entstandenen Embryonen vor dem Transfer in die Gebärmutter einer Frau einer genetischen Analyse unterzogen werden.“ Droht also eine Vorauswahl: Was ist lebenswert, was nicht?

Eine Neusser Hebamme, die nicht genannt werden möchte, meint: „Bei der Reproduktionsmedizin geht es insbesondere ums Geschäft.“

Die Familie Schneider fühlt sich dagegen vom Staat im Stich gelassen. Seit 2004 wird nur noch die Hälfte der ersten drei Behandlungen von den Kassen übernommen. „Die beschweren sich, dass keine Rentenzahler nachkommen - da könnten sie Paaren wie uns doch entgegenkommen“, findet Bernd Schneider. Die „super-intensiven“ letzten Jahre bereut das Paar dennoch nicht. Bettina Schneider sagt: „Ich würde jedem Paar nur raten, nicht aufzugeben.“

*Namen von der Red. geändert

Quelle: NGZ


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