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Rhein-Kreis Neuss: Überleben auf dem Welt-Arbeitsmarkt

VON FRANK KIRSCHSTEIN - zuletzt aktualisiert: 28.05.2008 - 21:30

Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Ein Notebook schippert für 1,40 Dollar über den Atlantik, nicht allein, sondern in einem Container, der 1800 der mobilen Rechner fasst. Transportpreise wie diese machen Globalisierung erst möglich. Manches Produkt reist bis zu Fertigstellung gleich mehrfach übers Meer.

Die Globalisierung und die Folgen: „Der Lohn für einfache Arbeit kommt auf einem Welt-Arbeitsmarkt unter Druck“, sagt Professor Dr. Hans-Werner Sinn. Foto: NGZ
Die Globalisierung und die Folgen: „Der Lohn für einfache Arbeit kommt auf einem Welt-Arbeitsmarkt unter Druck“, sagt Professor Dr. Hans-Werner Sinn. Foto: NGZ

„So entsteht ein Weltarbeitsmarkt“, sagte Professor Dr. Hans-Werner Sinn am Dienstagabend in Krefeld. IHK-Präsident Wilhelm Werhahn begrüßte den Leiter des Ifo-Institutes für Wirtschaftsforschung in München, der als einer der einflussreichsten und international anerkanntesten deutschen Wirtschaftswissenschaftler gilt, dort in der Mercedes-Benz-Niederlassung zu einem Wirtschaftsforum zum Thema „Deutschland im Sog der Globalisierung“.

Beim Blick auf die Konsequenzen legte Sinn seinen Schwerpunkt auf Löhne und Lohnentwicklung: „Der Lohn für einfache Arbeit kommt auf einem Welt-Arbeitsmarkt unter Druck.“ Das Phänomen sei ebenso bekannt wie die entsprechenden Klagen nach dem Motto „Der Aufschwung kommt bei uns nicht an“. Der Volkswirt rechnet mit einer weltweiten Angleichung der Löhne. Die aktuelle Situation, in der die Arbeitskosten pro Stunde in China bei 1,10 Euro und in Deutschland (überflügelt nur noch von Norwegen und Belgien) bei 33,59 Euro liegen, werde auf Dauer keinen Bestand haben.

Wirtschaftsforum: IHK-Präsident Wilhelm Werhahn (l.) begrüßte Gastreferent Professor Dr. Hans-Werner Sinn. Foto: NGZ

In Deutschland komme erschwerend hinzu, dass die Lohnkosten auch im Verhältnis zur Produktivität vergleichsweise hoch seien. Der Effekt: Die Löhne vor allem für einfache Arbeit werden in Deutschland sinken. „Wettbewerbsfähig sind letztlich noch die Unternehmen und die gut ausgebildeten Kräfte. Der einfache Arbeiter ist es nicht mehr.“

In der Gesamtwirtschaft drohe eine sinkende Beschäftigung, daran ändere auch der jüngste Aufschwung nichts, den Sinn ebenso kritisch hinterfragte wie den Titel des Waren-Exportweltmeisters, auf den in Deutschland viele stolz seien. „Wo bleibt denn das Wirtschaftswunder?“, fragte Sinn mit Blick auf die Wachstumsraten: Von 1995 bis 2007 verzeichneten die EU-Länder beim Bruttoinlandsprodukt durchschnittlich ein Plus von 32 Prozent, in Spanien waren es im gleichen Zeitraum 54,8, in Irland 127 Prozent. Und Deutschland? Vorletzter Platz (vor Italien) mit 19,8 Prozent Wachstum.

Kritisch betrachtet Sinn auch die Diskussion um Mindestlöhne. Mit Verweis auf die Leistungen des Sozialstaates sieht er einen Mindestlohn indirekt längst eingeführt. Der Fehler liege im System: „Geld fließt nur, wenn man nicht arbeitet.“ Erst mit der Agenda 2010 sei es gelungen, einen Richtungswechsel einzuleiten. Letztlich verberge sich dahinter nichts anderes als eine Senkung des „alten Mindestlohns“, kombiniert mit der Einführung eines Lohnzuschuss-Systems. Das Prinzip: „Weniger Geld fürs Wegbleiben, mehr Geld fürs Mitmachen.“

In diesem Sinne gelte es, den Weg der Agenda 2010 weiterzugehen. Mit Mindestlöhnen von 7,50 Euro pro Stunde, wie sie in der Politik diskutiert würden, drohten jedoch mindestens 1,1 Millionen neue Arbeitslose. „Sie können Unternehmen doch nicht zwingen, Leute zu solchen Löhnen einzustellen.“ Sinn plädiert für Mindesteinkommenssicherung statt Mindestlohn. Forderungen nach dem Motto „Jeder muss von seiner eigenen Hände Arbeit leben können“ sind für den Wirtschaftswissenschaftler „Volksverdummung - das funktioniert in der globalisierten Welt nicht mehr“.

Getreu seinem Alternativvorschlag von Lohnkostenzuschüssen für Niedriglohnbezieher formuliert Sinn anders: „Jeder, der will, muss arbeiten können und dann genug zum Leben haben.“ Kritik an einer solchen staatlichen Subventionspolitik weist er energisch zurück: „Der Staat zahlt doch heute schon Subventionen - dafür, dass Arbeitslose nichts tun.“

Quelle: NGZ


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