kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
Kommentare ()

Rhein-Kreis Neuss: Verdacht auf Menschenhandel

VON SIMON HOPF - zuletzt aktualisiert: 15.05.2008 - 21:30

Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss In Handschellen wird Aleksander G. in den Gerichtssaal geführt. Dem 25 Jahre alten Bulgaren werden Menschenhandel, gewaltsame Ausbeutung und Zwang zur Prostitution vorgeworfen. So soll er seine kürzlich 23 Jahre alt gewordene Ehefrau, mit der er seit 2005 verheiratet ist, und eine 18-Jährige verschiedenen Etablissements in der Region zugeführt haben.

Ihre Einnahmen sollen an G. geflossen sein. Auf einen Tipp der Polizei aus Köln hin hatte ihn die Neusser Kripo am 1. Februar in Dormagen aufgegriffen, einen Tag später folgte der Haftbefehl. Seither saß Aleksander G. in Untersuchungshaft.

Rund zweieinhalb Stunden nach Beginn der Sitzung des Schöffengerichts im Amtsgericht Neuss unter Vorsitz von Richter Wilfried Bott wird der Staatsanwalt sein Fazit ziehen. Von einem „turbulenten Vormittag“ wird er sprechen und auf „eine Verkettung unglücklicher Umstände“ verweisen.

Diese hatten aus der Verhandlung am Donnerstag Morgen einen veritablen Gerichtskrimi werden lassen: mit Zeugen, die ihre Aussage verweigerten, einem aus dem Nichts auftauchenden dubiosen Anwalt, der sich als Zeugenbeistand empfahl, und einer Hand voll Zuschauer, die wegen möglicher Verstrickung plötzlich ins Zwielicht gerieten und von denen sich einer deshalb im Zeugenstand wiederfand.

G. selbst trug jedenfalls nichts zur Aufklärung bei, folgte teils regungslos, teils betont desinteressiert der Verhandlung, für die eigens ein Dolmetscher bemüht wurde. Sowohl der Angeklagte als auch seine Ehefrau und die 18-Jährige sind zwar bulgarischer Herkunft, sprechen aber türkisch.

Milieutypisch bekleidet

Die junge Erwachsene und G. waren nach Bericht eines Polizeibeamten am 1. Februar nachmittags in Dormagen aufgegriffen worden. Beide hatten in einem Kleinbus einen bordellartigen Betrieb angesteuert.

Die Papiere der Beifahrerin befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Besitz des späteren Tatverdächtigen. „Unsere Einschätzung“, so der Polizist vor Gericht, seien Menschenhandel und Zuhälterei gewesen. In dem Klub stieß man auch auf die Ehefrau G.’s - „in milieutypischer Bekleidung“. Eine Durchsuchung des Fahrzeugs sollte die Vermutungen gegen G. weiter erhärten.

„Beide Frauen“, sagte Bott, hätten G. in ersten Vernehmungen dann „nachhaltig belastet“. Dieser wiederum gab an, der Bruder seiner Frau stecke hinter den Machenschaften, er selbst habe „allenfalls Fahrgeld“ und andere kleine Aufmerksamkeiten für seine Dienste erwartet. G., der nach eigenen Angaben einen „Personentransport“ zwischen Bulgarien und Deutschland betrieben hatte, verneinte zudem jede Gewaltanwendung.

Vor Gericht sah man sich am Donnerstag wieder. G.’s Ehefrau, die über die Kontakte zum Bundeskriminalamt und Europol am Mittwoch aus Bulgarien eingeflogen worden war - „freiwillig“, wie Richter Bott betonte - sorgte dabei schnell für Irritationen. Ein zunächst nur als Zuschauer anwesender, türkischsprachiger Anwalt empfahl sich ihr als Zeugenbeistand.

Zu einer Aussage wie im Februar ließ sich das mögliche Opfer nach einer Rücksprache mit diesem Anwalt dann jedoch nicht mehr bewegen - zur hörbaren Überraschung des vorsitzenden Richters. Er vermutete Beeinflussung durch Dritte. Möglicherweise habe man ihr schon in Bulgarien deutlich gemacht, dass sie „erhebliche Nachteile zu befürchten habe“. Letztlich aber, so Bott, stehe ihr als Ehefrau des Angeklagten zu, nicht auszusagen.

Die 18-Jährige wiederum betonte im Zeugenstand, so gut wie alles, was sie vor Monaten bei der polizeilichen und richterlichen Vernehmung angegeben habe, sei falsch gewesen. Zwischenzeitlich habe sie in Bulgarien einen Widerruf geleistet, um G. zu entlasten. Woher sie von der anstehenden Verhandlung gewusst habe, wollte Bott wissen. „Von Freunden.“

Die wiederum saßen am Donnerstag im Hintergrund: vier Männer und eine Frau. Der Bitte, ihre Ausweise abzugeben, entzog sich einer mit der Ausrede, seinen Pass im Auto gelassen zu haben - und verschwand. Ein 27-Jähriger, der daraufhin aussagen musste, entpuppte sich als G.’s Schwager. Er habe, gab er an, im Vorfeld des Gerichtstermins die 18-Jährige in Ingolstadt abgeholt. Zudem berichtete er, G. im Gefängnis besucht zu haben.

Mangels Beweisen Freispruch

Ein weiterer Zeuge, der Kontakt zur Ehefrau G.’s gehabt haben soll, verweigerte sich auch unter Androhung eines Ordnungsgeldes. Dass er beim Hinausgehen kurz in Richtung Zuschauerreihen blickte, von wo aus die bulgarische Vierergruppe das Geschehen verfolgte, entging Richter Wilfried Bott nicht ...

Sichtlich verstimmt, oblag es am Ende dem Vertreter der Staatsanwaltschaft, aus Mangel an Beweisen, Freispruch zu fordern. Dass die im Februar gemachten Aussagen der Ehefrau letztlich keinen Ausschlag gaben, lag an Rechtsfehlern, die sich bei der gerichtlichen Vernehmung durch den Wochenend-Eildienst ergeben hatten. Die 18-Jährige hingegen, so der Staatsanwalt, habe „das Blaue vom Himmel heruntergelogen, ohne dass uns der Nachweis gelingt“.

Quelle: NGZ


Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung lohnt sich Tag für Tag - jetzt testen.

 
weitere Artikel
 
Links zu diesem Artikel
 

 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

AUS DER NACHBARSCHAFT
MEHR

Rhein-Kreis Neuss

Eine Frage der Haftung

Der Firmensitz der Alfred Henkelmann Glasbau Ltd. atmet nicht den Sexappeal eines ultramodernen Biotech-Start-ups. Die Geschäftsräume an der Venloer Straße in Neuss, die nur über den Hof erreicht werden können, sind von hölzerner Gemütlichkeit. VON jens krüger  mehr

 

Rhein-Kreis Neuss

Ein Tag für die Ausbildung

Wer junge Menschen mit Behinderung ausbildet, kann von finanziellen Förderungen profitieren. Darauf weist das Integrationsamt des Landschaftsverbands Rheinland aus Anlass des Tages des Ausbildungsplatzes am Montag, 26. Mai, ausbildungswillige ... mehr

 

Rhein-Kreis Neuss

Grilltipps von A bis Z

 

Rhein-Kreis Neuss

Frisch vom Rost

 
 

Rhein-Kreis Neuss

Heißes Thema - heiße Luft?

 
BILDER AUS DEM RHEIN-KREIS
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis mehr 
 
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
mehr 
„Magic Monte Carlo“ in Roncallis Apollo Varieté
„Magic Monte Carlo“ in Roncallis Apollo Varieté
„Magic Monte Carlo“ ist die neue Show in ..
mehr 
Das sagen die Bürger im Rhein-Kreis zur NRW-Wahl 2012
Das sagen die Bürger im Rhein-Kreis zur NRW-Wahl 2012
Das sagen die Bürger im Rhein-Kreis zur NRW-Wahl 2012
mehr 
Der Wahlabend in Dormagen und Rommerskirchen
Der Wahlabend in Dormagen und Rommerskirchen
Der Wahlabend in Dormagen und Rommerskirchen. NRW-Wahl 2012
mehr 
 
Familienanzeigen