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Rhein-Kreis Neuss: Von vielen Kulturen beeinflusst

VON SIMON HOPF - zuletzt aktualisiert: 18.06.2008 - 21:30

Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Bis zu 1000 Besucher werden am Sonntag zum Familien-, Sport- und Kulturtag der der Deutschen aus Russland in Neuss erwartet. Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung sprach mit Mitorganisatorin Ella Kühl.

Die Vorbereitungen für den Familien-, Sport- und Kulturtag sind fast abgeschlossen: Ella Kühl mit Bildern für den Malwettbewerb „Unsere bunte Welt“.  Foto: Andreas Woitschützke
Die Vorbereitungen für den Familien-, Sport- und Kulturtag sind fast abgeschlossen: Ella Kühl mit Bildern für den Malwettbewerb „Unsere bunte Welt“. Foto: Andreas Woitschützke

Frau Kühl, was bedeutet es, Russlanddeutscher zu sein?

Ella Kühl Wir sind Deutsche, die in Russland lebten beziehungsweise leben. Deutsche, die vor 200 Jahren auf Geheiß Zarin Katharinas der Großen dorthin auswanderten und bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs vor allem an der Wolga, auf der Krim und im Kaukasus siedelten.

Nach Beginn des Russlandfeldzuges der deutschen Wehrmacht 1941 wurden viele auf Befehl Stalins nach Sibirien deportiert.

Wann sind Sie mit Ihrer Familie nach Deutschland gekommen?

Kühl Das war 1987. Wir sind jetzt bald 21 Jahre hier. Die Kinder haben hier die Schule besucht und arbeiten mittlerweile alle. Damals, als wir hierher kamen, waren wir nur ein paar Familien. Untereinander sprachen wir von „Stämmen“. Wir sind hier sehr herzlich aufgenommen worden, das hat uns wirklich geholfen. Dadurch konnten wir uns schnell eingewöhnen.

Info
Eröffnung um 14 Uhr

Die Ortsgruppe der Russlanddeutschen Landsmannschaft und der Kreisverband des DRK sind Gastgeber des Familien-, Sport- und Kulturtages. Um 14 Uhr wird am Sonntag das Fest in der Aula des Berufsbildungszentrums am Hammfelddamm in Neuss eröffnet. Bis 18.30 Uhr folgt ein buntes Showprogramm. Schon um 10 Uhr beginnen die Turniere und Wettbewerbe. Das Kinderprogramm startet um 13 Uhr. Die Siegerehrung ab 18.30 Uhr übernimmt Ina Menzer, Weltmeisterin im Federgewicht. Der Eintritt ist frei.

Später wurde die Distanz größer, bedingt dadurch, dass immer mehr Aussiedler nachgefolgt sind. Es entstanden Konfrontationen - warum auch immer gerade zwischen russlanddeutschen und türkischen Jugendlichen. Das gab mit den Ausschlag, unseren „Freundeskreis“ zu gründen.

Was bieten Sie an?

Kühl Wir haben einen Chor, Kindergesangsgruppen, Malgruppen, Ballett, Modellbau. Anlaufpunkt ist das Bürgerhaus in Erfttal. Ab nächsten Jahr bieten wir für Vorschulkinder den Kursus „Zwei Sprachen richtig gelernt an“. Die Kinder sollen Hilfe bekommen, Deutsch und Russisch zu unterscheiden und dann jeweils richtig zu beherrschen.

Wir wollen denen helfen, die noch nicht so lange in Deutschland sind. Der Verein feiert demnächst sein 10-jähriges Bestehen. Wir arbeiten eng mit hiesigen Institutionen wie der Caritas, der Diakonie, vor allem aber mit dem Deutschen Roten Kreuz zusammen. Das DRK ist beim Familien-, Sport- und Kulturtag auch Mitveranstalter. Allein wäre es schwer, so eine Veranstaltung durchzuziehen.

Welche Attraktionen haben Sie für Samstag auf die Beine gestellt? Was passiert?

Kühl Organisiert wurden zum Beispiel ein Volleyballturnier, ein Fußball- und Schachturnier, ein Schieß und ein Malwettbewerb. Es kommen Tanzschulen und Tanzvereine, Chöre und Gesangsgruppen. Wir wollen einen Eindruck von unserer „mitgebrachten“ Kultur geben.

Inwiefern war und ist diese Kultur auch russisch geprägt?

Kühl Teilweise ist unsere Kultur in der Tat russisch geprägt, nicht zuletzt durch die russische Sprache. Wir Russlanddeutsche haben jedoch die kulturellen Einflüsse verschiedener Völker in uns aufgenommen, nicht allein russische.

Es gab beispielsweise Familien, in denen Kinder dreisprachig aufgewachsen sind - eben auch mit den Sprachen ihres Umfeldes, also kasachische oder kabardinische Sprachen. Gerade unsere Küche spiegelt diese Vielfalt wieder: Wir lebten eben mit Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen.

Aber: Viele haben trotzdem immer versucht, ihre deutschen Wurzeln zu bewahren. Man lebte bis 1941 in geschlossenen Gebieten, wo es in dieser Hinsicht kaum Probleme gab. Später wurde es schwieriger. Bei Treffen und Festen wurden aber deutsche Lieder gesungen, in den Familien wurden Überlieferungen weitergegeben.

Ende der 80er Jahre wurde uns dann erlaubt, unser deutsches Erbe wieder mehr zu pflegen. Das waren die Jahre der Erleichterung - aber auch der Ausreise. Wenn wir in Russland geblieben wären, hätte sich das Deutsche wohl ganz verloren. Da hätte auch die Politik nicht mehr helfen können.

Pflegen Sie noch Kontakte in die ehemalige Sowjetunion?

Kühl Ich persönlich habe außer meiner Cousine niemanden mehr dort, alle sind inzwischen hier in Deutschland. Aber wir haben noch Kontakte zu Freunden, beispielsweise zu Kommilitonen meines Mannes.

Wissen Sie denn, wie sich die Situation Ihrer Landsleute in Russland entwickelt hat? Wollen noch viele ausreisen?

Kühl Ich glaube nicht. Es sind wenige. Die Kinder haben sich anderweitig verheiratet, wollen nicht alles hinter sich lassen. Irgendein Partner müsste immer nachgeben.

Wo leben besonders viele Russlanddeutsche in NRW?

Kühl In Duisburg, in Essen. In Neuss lebt auch eine große Zahl. Nach Nordrhein-Westfalen sind zwischen 1990 und 2006 rund 564 000 Aussiedler angekommen. Der Aussiedleranteil im Kreis Neuss liegt bei rund 12 600 Personen.

Überlegen manche, zurückzugehen?

Kühl Es gibt immer wieder Einzelfälle - beispielsweise Eltern, deren Kinder in Russland geblieben sind. Im vergangenen Jahr gab es zwar einen Aufruf, zurückzugehen. Wenn’s vielleicht 20 Familien waren ...

Was ist typisch für Russlanddeutsche?

Kühl Worauf wir angesprochen werden, ist unser Familienzusammenhalt. Das war uns gar nicht so bewusst. Geprägt durch unsere Schicksalsjahre haben viele auch den Willen entwickelt, durchzukommen, zu beweisen gut, wenn nicht besser zu sein.

Quelle: NGZ


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