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Historische Schriftstücke im Adelsarchiv: Was der Adel in seine Akten packte

VON SIMON HOPF - zuletzt aktualisiert: 09.07.2009 - 21:19

Historische Schriftstücke im Adelsarchiv (NGZO). Rhein-Kreis Neuss Es waren unsichere Zeiten: Gesindel zog marodisierend durch das Land und drangsalierte die Bevölkerung. Dem konnte und wollte die Obrigkeit nicht länger tatenlos zusehen. Um die Spitzbuben zur Rechenschaft zu ziehen, einigten sich Kurköln und der Herzog von Jülich schließlich auf ein gemeinsames Vorgehen gehen die umher streifenden Plünderer und Räuber. Die Akte, in der dies festgehalten wurde, datiert um 1600.

Mit schwungvoller Schrift: In diesem Dokument geht es um Einkünfte der Familie Bemmelsberg zu Hornstein, der ein Hof in Sinsteden gehörte.   Foto:  L. Berns
Mit schwungvoller Schrift: In diesem Dokument geht es um Einkünfte der Familie Bemmelsberg zu Hornstein, der ein Hof in Sinsteden gehörte. Foto: L. Berns

Was das alte Schriftstück sonst noch verrät? Wer weiß! Über Generationen hat es in einem westfälischen Adelsarchiv geschlummert – so wie viele hundert weitere historische Schriftstücke auch, die inhaltlich auf Ereignisse und Vorgänge im heutigen Rhein-Kreis Neuss Bezug nehmen, bislang aber nicht erschlossen worden sind. Es sind Dokumente, die über Westfalen verstreut in den Schlössern des dortigen Adels aufbewahrt werden, der seine Einkünfte und Macht vor Jahrhunderten nicht zuletzt aus seinen "rheinischen Besitzungen" bezog.

Dr. Werner Frese (65), frisch pensionierter Mitarbeiter des Westfälischen Archivamts, hat in den zurückliegenden Monaten in insgesamt 13 Privatarchiven geforscht und ein beeindruckendes Findbuch erstellt, in dem auch auf die eingangs angesprochene Vereinbarung zwischen Köln und Jülich verwiesen wird. "Ich kenne durch meine langjährige Tätigkeit den im Münsterland ansässigen Adel ganz gut", bleibt Frese bescheiden, denn dahinter verbirgt sich eine enorme Sachkenntnis, von der die Geschichtsschreibung, Genealogie und Volkskunde im Rhein-Kreis Neuss nun profitieren kann.

Die Geschichtsschreibung der Region um weitere Facetten bereichern wollen Bertram Graf von Nesselrode, Dr. Werner Frese (Mitte) und Dr. Karl Emsbach (r.).  Foto:  L. Berns
Die Geschichtsschreibung der Region um weitere Facetten bereichern wollen Bertram Graf von Nesselrode, Dr. Werner Frese (Mitte) und Dr. Karl Emsbach (r.). Foto: L. Berns

Das Projekt der Erschließung historischer Quellen zur Geschichte der Region geht auf einen Beschluss des Kreistags zurück (die Neuß-Grevenbroicher Zeitung berichtete). Dr. Werner Frese arbeitet auf der Grundlage eines Werkvertrages und präsentierte Kreisarchivar Dr. Karl Emsbach und dem CDU-Kreistagsabgeordneten Bertram Graf von Nesselrode Anfang dieser Woche die bisherigen Ergebnisse – und lernte dabei nicht zuletzt auch den Rhein-Kreis Neuss einmal näher kennen.

"Adel war nie regional begrenzt", sagt Frese. Beispielsweise durch Erbschaften, als Pfand und als Mitgift wechselten Territorien, Herrschaften und Unterherrschaften ihre Besitzer nicht selten in munterer Folge. Entsprechend "wanderten" auch die jeweiligen Aktenbestände von Familie zu Familie. In diesem Zusammenhang tauchen Geschlechternamen auf wie von Raesfeld, Droste zu Senden, Limburg-Styrum, Benthein-Steinfurt, Gemen und Landsberg-Velen, die direkt oder indirekt an Rhein und Erft Einfluss ausübten.

Von den Akten, die Frese mit Blick auf den Rhein-Kreis Neuss untersucht hat, stammt ein guter Teil aus dem 16. Jahrhundert und spiegelt beispielsweise lokale Aspekte der Konfessionswirren und des Spanisch-Niederländischen Krieges wider.

Thematisch deckt die vom hohen Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert reichende Überlieferung – manche Akten verweisen nachrichtlich auf viel ältere und längst verschollene Dokumente – ganz unterschiedliche Bereiche ab: Familienangelegenheiten und Güterverwaltung, Immobilien, Pacht, Einkünfte, Käufe und Tauschgeschäfte, Kirchensachen, Bittschriften, Lehnsgeschäfte, Grenzstreitigkeiten, aber auch Informationen zum jüdischen Leben in Wevelinghoven, zu Wirtschaftsfragen, Krieg und Militär sowie in besonderer Weise auch zu Gerichtsbarkeit und Rechtsprechung.

So wurde zum Beispiel ein gewisser Gerhard Bolwercker von Neurath wegen "Diebereien" 1582 "peinlich verhört", also gefoltert. Drei Aachener Bürger wiederum wurden 1580 Opfer eines Raubes auf der Straße zwischen Grevenbroich und Kaster, bei denen ihnen Wolle sowie in Münster eingekaufter Speck und Schinken abhanden kamen. – Den Räubern wird's geschmeckt haben.

Quelle: RP

 
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