Rhein-Kreis Neuss (NGZ). düsseldorf Robert Marx, Präsident der boot 2008, eröffnete den Messebetrieb mit erfreulich stimmenden Zahlen: „74,1 Prozent der befragten Unternehmen beurteilen die Geschäftslage gleich gut oder besser im Vergleich zum Vorjahr.“ Der eingeschlagene Erfolgskurs - der Wandel von der Verkaufs-Geschäft hin zur Informations- und Infotainment-Messe - trägt jetzt scheinbar endlich Früchte.
Doch längst bedeutet die boot weit mehr als Zahlen und Bilanzen - zur Düsseldorfer Messe pilgern alljährlich Reiseveranstalter und Yachteigner aus aller Welt um mit neuen und alten Kunden ins Gespräch zu kommen. Angesichts eines solch traditionsreichen Standortes haben andere Wassersportausstellungen, etwa die „Interboot“ in Friedrichshafen, kaum eine Chance, dem Branchenflaggschiff Paroli zu bieten. Der Puls der Branche schlägt am Rheinufer - das findet auch Birgit Hähnen-Münch: „Die boot ist und bleibt DIE Messe, und da muss viel passieren, bis sich das ändert“, bekräftigt die Geschäftsführerin des Neusser Familienbetriebs „Hähnen Sportbekleidung“. Seit neun Jahren stellt das Unternehmen am gleichen Stand in Halle 4 aus. Dabei werden während der Stoßzeiten am Wochenende bis zu zwölf Mitarbeiter gleichzeitig beschäftigt. „Die Leute fahren hierhin und probieren ganz gezielt aus“, berichtet Hähnen-Münch, die ihr Erfolgsrezept in einem breit gefächerten Sortiment zwischen Edelmarken und preiswerten Artikeln sieht. Pseudo-Interessenten, die ausprobieren und dann doch im Internet bestellen, seien die Ausnahme.
Andere Töne schlägt hingegen Mitbewerber Andreas Heizmann aus Neuss an. Für den Verkaufsleiter von „Daniela Dallavalle Mode“ war die Teilnahme an der Messe schon jetzt ein eindeutiges Verlustgeschäft. Handtücher und Accessoires für Freizeitkapitäne blieben nur allzu oft in den Regalen liegen, berichtet er: „Vor zwanzig Jahren waren wir mit maritimen Herrenstrick schon mal hier, aber mittlerweile sind wir hier ganz einfach falsch platziert.“
Mit Accessoires ganz anderer Art - nämlich in Deutschland produzierten Schiffsteppichen - kann die Meerbuscher Treutlein GmbH offenbar auf voller Linie überzeugen. So sehr, dass selbst renommierte Werften ihre Yachten exklusiv mit der Produktlinie aus dem Rhein-Kreis Neuss ausstatten. „Zwar gibt es bei uns auch Teppichstücke in der Größe zehn Mal zehn Zentimeter, aber grundsätzlich fangen mir dort an, wo das Angebot der boot aufhört“, sagt Geschäftsführer Oliver Treutlein und meint damit Yachten jenseits der Zwanzigmeter-Grenze. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil seiner Firma, so Treutlein, sei die Versorgung aus einer Hand: „Wir liefern Design, Produkt und kümmern uns auch um die Installation vor Ort.“
Zufrieden ist man auch bei Yamaha. Stellvertretend für den größten Aussteller aus dem Kreisgebiet freut sich Christian Melzheimer über „großes Interesse und die erstmalig wieder zunehmende Kaufkraft“. Wie der Assistent der Verkaufsleitung am geräumigen Stand in Halle 10 berichtet, sei die Messe schon jetzt ein Erfolg gewesen - in punkto Verkauf und Imagepflege.
Beworben wird bei Yamaha unter anderem der Außenborder „V 8 5.3“, ein leistungsstarker Viertakter, wie geschaffen für zügige Fahrten auf Schiffen ab 20 Metern Länge. Kaum minder eindrucksvoll ist die aktuelle Jetski-Linie „Wave Runner“, die nicht nur mit Hubraum-starken Boliden sondern auch mit Dreisitzern aufwartet.
Da mag der allgemeine Trend im Wassersportgeschäft noch so viel versprechend sein - Licht und Schatten sind auf der boot auch in diesem Jahr allgegenwärtig. Ein durchwachsenes Geschäft erlebten die Bootsbauer der alteingesessenen Firma Vieser aus Jüchen. Für die Flaute macht Inhaberin Gabriele Meiners das geänderte Freizeitverhalten der Kunden verantwortlich: „Früher sind die Leute vier Wochen in Urlaub gefahren, aber heute lohnt es sich nicht mehr, für zwei Wochen Kroatien vom Auto auf’s Boot umzusteigen.“ Aber, winkt sie im selben Atemzug ab, es habe auch schon schlechtere Jahre gegeben.
Während die Zahl der Einzelhändler auf der boot seit Jahren eher stagniert, erlebt der Reisemarkt einen regelrechten Boom. Angesichts der stark gefallenen Preise für Fernflüge ist das auch kaum verwunderlich. Katja Hünerbein, Verkaufsleiterin des First Reisebüros in der Neusser Innenstadt, hat sich unter dem Dach der TUI dort positioniert, wo der Rubel am beständigsten rollt: in der Taucherhalle. Die Lieblingsziele der Unterwassersportler - allen voran das Rote Meer und die Malediven - bleiben dieselben, doch zeige sich der Wandel im Publikum: „Es gibt kaum noch Schnäppchen-Jäger, außerdem kommen die Interessenten in diesem Jahr viel konkreter auf uns zu als im Vorjahr.“ Anstatt allein auf günstige Online-Angebote zu setzen, wüssten die Kunden die persönliche Beratung - quasi von Taucher zu Taucher - zu schätzen.
Vom geschäftsschädigenden Ramsch-Image, das die Messe von Mitte der 1990’er-Jahre ins neue Jahrtausend begleitete, konnten sich die Aussteller also in stiller Absprache befreien. Die Stunde der Preisfüchse schlägt unweigerlich am Wochenende: Wenn sich die boot dem Ende zuneigt und Waren aufwändig per Container rücktransportiert werden müssen, dann purzeln die Preise. Surfbretter und Tauchanzüge wechseln dann zum Einkaufspreis den Besitzer. Nicht zuletzt damit erklärt sich auch der stark schwankende Zulauf zwischen Wochentagen und den Wochenenden: Unter der Woche wird die boot beinahe zur Händlermesse, und am Wochenende verkauft der Einzelhandel.
Neuere Rezepte der boot - hippe Motti wie „Anfassen und Ausprobieren“ und „Live your Dream“ -, oder auch der Wechsel von der zentralen Aktionshalle zu interaktiven Mitmachangeboten in einzelnen Hallen werden an solchen Grundpfeilern kaum rütteln können.
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