Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis/Frechen Der Blick in die riesige Maschinenhalle macht einen sprachlos. Das liegt einerseits am Lärm, gegen den anzuschreien man nicht lange durchhalten würde. Andererseits aber war der Schritt von draußen nach drinnen auch eine Zeitreise.
„Die ältesten Pressen sind von 1910“, sagt Heinz-Willi Maaßen, Produktionsleiter der Brikettfabrik in Frechen. Er benutzt das Kunstwort „unkaputtbar“, um zu beschreiben, wie dauerhaft diese Maschinen arbeiten. Über Motoren werden Keilriemen in Bewegung gesetzt, die das Schwungrad antreiben, Energie, mit der die Brikettstempel im Sekundentakt aus feinst gemahlener Braunkohle „Klütten“ pressen.
In drei endlosen, nebeneinander her laufenden Strängen spuckt die Presse die fertigen Briketts aus. „Die lose, trockene Kohle wird von oben über eine Dosiereinrichtung zugeführt“, erklärt Maaßen. In der Brikettform - dem einzigen Verschleißteil, das wöchentlich ausgetauscht werden muss - werden mit einem Druck von 1000 Bar die winzigen, braunschwarzen Kohlekörner zusammengepresst.
Dass das Brikett nachher nicht sofort wieder zerbröselt, liegt am Restwassergehalt, der neben dem Druck für die Bindekraft sorgt. Auf rund 300 Grad Celsius steigt die Temperatur in der Presse, die fertige Klütte ist 60 bis 70 Grad warm, und muss erst einmal Kühlrinnen durchlaufen.
Die RWE Power AG ist Betreiberin des Kohlenveredelungsbetriebs Frechen, der „Brikettfabrik Wachtberg“, der letzten im Rheinland noch existierenden Produktionsstätte von Hausbrand- und Industriebriketts aus Braunkohle. Mit der maschinellen Massenherstellung von Briketts hat sich der Münchner Oberpostrat Carl Exter vor 150 Jahren unsterblich gemacht.
Damals erfand er die nach ihm benannte „Exter-Presse“, eine Innovation, die einen Grundstein für die rasante Aufwärtsentwicklung der Braunkohlengewinnung in Deutschland legte. Das Jubiläum wird vom 13. August bis 30. Oktober mit einer Ausstellung in der Brikettfabrik Hermannschaft im mitteldeutschen Revier bei Zeitz gewürdigt.
Die erste, damals noch dampfbetriebene Brikettpresse wurde 1858 auf der Grube „Theodor“ in Ammendorf südlich von Halle an der Saale in Betrieb genommen. Die noch recht nasse Rohfeinkohle musste vor der eigentlichen Pressung in einem eigens dafür konstruierten Ofen getrocknet werden.
Im Rheinland wurde die Exter-Presse zum ersten Mal im Frühjahr 1877 in der Fabrik Roddergrube bei Brühl eingesetzt. 1881 nahm die zweite Fabrik der Roddergrube als Brikettfabrik Brühl ihren Betrieb auf.
Damit begann die Ära des industriell hergestellten rheinischen Braunkohlenbriketts, das auch im heutigen Rhein-Kreis Neuss die Entwicklung beflügelte: Von 1907 bis 1909 erfolgte beispielsweise der Bau der Brikettfabrik Neurath bei Grevenbroich; später kam dort noch die Brikettfabrik „Prinzessin Viktoria“ hinzu (1911/12). Beide Fabriken arbeiteten bis Ende der 60er Jahre.
Die Brikettfabrik Wachtberg in Frechen war schon 1901 gegründet worden. Das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum beleuchtete in einem anlässlich seines 75-jährigen Bestehens erschienenen Kurzführer die Anfänge der Wachtberger Fabrikationsstätte. Und das nicht ohne Grund, denn im Bochumer Museum steht das Original einer der Brikettpressen, mit denen die Fabrik Wachtberg im Jahr 1901 ihre Brikettfertigung aufgenommen hatte.
„Im August 1901 trafen sich die rheinischen Industriepioniere Victor Rolff, Peter Werhahn und Carl Sporkenbach und unterzeichneten das Statut von Wachtberg I, Braunkohlenwerke und Brikettfabrik Frechen GmbH. Zweck der Unternehmensgründung war die Gewinnung von Braunkohle, Ton, Kies und Sand. Zu dieser Zeit gab es im linksrheinischen Braunkohlenrevier, das noch heute mit großen Tagebauen in Betrieb steht, 127 Brikettpressen.“
Zwischen 1890 und 1910 stieg die Jahresproduktion im Rheinland auf 13 Millionen Tonnen und zog mit der Steinkohle gleich. Seit 1904 wurden die rheinischen Braunkohlenbriketts unter dem Namen „Union“ vermarktet. Von Frechen aus gehen noch heute die für industrielle Zwecke bestimmten Drei-Zoll-Briketts mit dem „Union“-Stempel zu ihren Bestimmungsorten.
Die größeren, sieben Zoll messenden Hausbrandbriketts firmieren in Bündeln zu zehn oder 25 Kilogramm verpackt als „Heizprofi“. Sie werden über Baumärkte verkauft, nur noch ganz vereinzelt erfolgt der private Absatz über die klassischen Kohlenhändler.
Auf riesigen Gleisanlagen stehen in Frechen die Waggons, um mit den glänzenden, schwarzen Industrieklütten gefüllt zu werden. „Wir haben einen eigenen Bahnhof“, sagt Maaßen, während die Fahrt über das weitläufige Werksgelände zum Rohkohlebunker geht: ein breiter Graben, über den auf Stelzen Gleise geführt sind.
Von dort oben lassen die vom Tagebau Hambach über die Nord-Süd-Bahn ankommenden Züge ihre Facht ab: tausende Tonnen täglich, die sich zu einem Haufen türmen. „Grubenfeucht“, nennt Maaßen die Beschaffenheit des Materials, das zu mehr als 50 Prozent aus Wasser besteht.
Beim näheren Hinsehen erkennt man sogar noch, dass Braunkohle organischen Ursprungs ist. Mit ein bisschen Glück finden sich sogar Holzbrocken, vermoderte Reste von gigantischen Wäldern der Urzeit.
Von beiden Seiten des Kohlehaufens machen sich Schaufelradbagger an die Arbeit, den Rohstoff für den Transport über Bandanlagen ins so genannte Brechergebäude zu fördern, wo die Kohle mit rotierenden Walzen und Schlägern auf eine Körnung von 80 Millimetern gebracht wird.
Bis zur Brikettierung, erklärt Maaßen, der seit 2004 am Standort Frechen tätig ist und aus Bedburg stammt, müsse die getrocknete Kohle auf eine Körnung von unter zwei Millimetern gebracht werden. Der Wassergehalt liegt dann nur noch zwischen zwölf und 20 Prozent. „Rohkohle hat einen Heizwert von 10 000 Kilojoule, Briketts von 20 000“, verdeutlicht der 48-Jährige den Effekt aller Mühen.
Die in Frechen auf 40 Pressen laufende Produktion der handlichen Kohleklumpen hat in den vergangenen Jahren wieder enormen Auftrieb erfahren. Das bestätigt Betriebsleiter Wolfgang Dülfer. Insbesondere der Privatbereich gewinnt - nicht zuletzt wegen steigender Energiepreise - an Bedeutung. „Zweitfeuerstellen sind ein sehr lukrativer Markt“, sagt er, das Brikettgeschäft lohne sich.
Insgesamt stößt die Fabrik Frechen, in der wochentags im Drei-Schicht-Betrieb produziert wird, in diesem Jahr mehr als eine Million Tonnen Industrie- und Hausbrandbriketts aus. Die Herstellung von Braunkohlenstaub für industrielle Großfeueranlagen ist ein weiterer Schwerpunkt. Der Kreis der Abnehmer ist international: „Benelux, Österreich, Schweiz, Norditalien, Irland, Tschechien, Polen“, zählt Dülfer auf.
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