"Streifzüge" durch den Kreis (NGZO). Streifzug Natur- und Landschaftserlebnisse im Rhein-Kreis Neuss (11. Folge) Zwischen Mauerritzen, Pflastersteinen und am Straßenrand: Was im Neusser Großstadtdschungel alles gedeiht
Rhein-Kreis Neuss Dort, wo Bello seinen stattlichen Haufen gemacht hat, grünt es üppig. Die anrüchige Hinterlassenschaft des Hundes "thront" in einem Beet aus Taubnessel, Löwenzahn und jungem Holunder. Ein ganz besonderes Idyll im Schatten der Neusser Stadtmauer, wo es entlang des Spazierweges, der sich zwischen Mauer und Erftmühlengraben in Richtung Hamtorplatz zieht, wuchert und sprießt. "Nitrophile Säume", sagt Dr. Georg Waldmann. Will heißen: Hier gedeihen nährstoffliebende Pflanzen, für die die rege Verdauung eines Neusser Vierbeiners im positiven Sinne eine schöne Bescherung ist. Sie danken es mit gesundem Wuchs.
Für Georg Waldmann, der als Biologe die NGZ auf ihren "Streifzügen" durch den Rhein-Kreis Neuss bereits mehrfach begleitet hat, bietet auch das hoch aufragende mittelalterliche Mauerwerk der alten Neusser Stadtbefestigung selbst genug Beispiele dafür, wie sich die Flora in der Innenstadt behauptet. Er nennt es "Spontanvegetation" und braucht nicht lange zu suchen.
"Hier", sagt er und verweist auf die "Mauerfugen-Gesellschaft", die sich zwischen Backsteinen und Basaltquadern ihren Lebensraum erobert hat: Staubflechten, Laubmoose, Mauerraute, Braunstieliger Streifenfarn, Wurmfarn und Frauenfarn. "Es sind häufig sehr kleine Pflanzen", beschreibt es der Experte. Erst wenn sich im Laufe der Zeit in den Ritzen genug Substrat gebildet habe, würden die Blütenpflanzen folgen. Ein Beispiel hierfür ist ein Vertreter aus der Gattung der Greiskräuter, der gelbblühend in den Fugen der Stadtmauer wurzelt.
Am Hamtorplatz tippt Waldmann mit seinem Fuß an ein mickrig aussehendes Büschelchen: "Einjähriges Rispengras." Das sei, sagt er, wegen seiner Anpassungsfähigkeit auf allen Kontinenten vertreten – selbst in der Antarktis. Etwas entfernt, wieder im Bereich der Stadtmauer, haben Glaskraut, Weidenröschen, Weißbirke und Salweide ein Refugium gefunden.
"Nitrophil" wird es dann wieder auf der Neustraße. An einem Laternenmast sieht man, dass Waldi dort häufig mal sein Bein hebt, um eine Duftspur zu hinterlassen. Die regelmäßige Düngung bekommt auch dem Rispengras gut, das sich besonders kräftig zwischen den Pflastersteinen emporreckt.
Als "tote" Zone präsentiert sich hingegen der neue Hauptstraßenzug. "Uneinladend", meint Waldmann. Und irgendwie stimmt das, weil Vegetation, so winzig sie auch ist, auf das Gesamterscheinungsbild augenscheinlich belebend wirkt, selbst wenn es sich nur um "Unkräuter" handelt. Als Biologe sieht man das so: "Das macht doch das Flair aus!"
Am Münsterplatz dann das Gegenteil: Auf dem gepflasterten Areal würde sich wohl in Windeseile ein dichter Pflanzenteppich ausbreiten, so üppig hat sich der Breitblättrige Wegerich in den Fugen angesiedelt. Dass er freilich nur in "Zwergenform" gedeiht, sich fast zu ducken scheint, begründet Waldmann mit der regelmäßigen Nutzung des Platzes durch den Menschen, der damit dem Drang der Pflanze nach Wachstum etwas entgegensetzt.
An einem Vermessungspunkt sprießt Vogelknöterich. "Es ist durchaus artenreich hier", wundert sich Waldmann, bevor ihm dann am Glockhammer in Höhe des Klosters Marienberg gleich eine ganze Armada verschiedener Gewächse begegnet: Gänsedistel und Kanadisches Berufskraut, Vogelmiere, Hundskamille, Sauerklee, Lerchensporn, Hirtentäschelkraut und Mäusegerste.
Was darüber hinaus im Straßenraum gedeihen kann, hat NGZ-Leser Karl Heinz Brausewetter aus Selikum in seinem Umfeld entdeckt. "Direkt am Bürgersteig", berichtet er, habe er ein "seltsames Unkraut" erspäht, das sich bei näherer Betrachtung als eine Wildorchidee – wahrscheinlich die Breitblättrige Stendelwurz – entpuppte, die sich inzwischen auch in seinem Garten unter Büschen ausgebreitet habe. So ein Beispiel bestätigt Georg Waldmann darin, welche Kraft die Natur entwickelt, um sich in Stadt und Siedlung ihr (angestammtes) Recht zu sichern.
Das wird vor allem am Hafenbecken unterhalb des Neusser Zeughauses klar. Trotz Beton und Stein macht die Vegetation dort besonders deutlich, was möglich ist. Wo weggerostete oder entfernte Geländerpfosten kreisrunde Aussparungen im Boden hinterlassen haben, bilden sich inselartige Mini-Biotope. "Irre!", entfährt es dem Fachmann. In enger Nachbarschaft zu Sommerflieder, Ackermalve und Nachtkerze wächst am Rand des Parkplatzes sogar ein Pfirsichbaum, durch dessen Astwerk man in Richtung Münsterkuppel blicken kann. Auf dem Weg zum Markt der nächste Fund: Tabak. Bei dieser Vielfalt klingt der Experte am Ende des Rundgangs fast euphorisch und deutet dann geheimnisvoll an: "Was meinst du, was hier an Tieren nachts unterwegs ist ..." Willkommen im Großstadtdschungel!
Info Der nächste "Streifzug" dreht sich um das Thema: Was die Natur an essbaren Früchten im Herbst bereit hält.
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