Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Es gibt Fragen, die lassen sich einfach nicht präzise beantworten. „Was hat uns stark gemacht?“, grübelt Peter Giesen bis heute über die Phase, in der Deutschland nach dem verlorenen Krieg am Boden lag. „Das treibt mich um.“
Eine Stunde Null, Stillstand, Resignation und depressives Verharren gab es für viele Vertreter der Generation der 20- bis 30-Jährigen, die das Inferno einigermaßen leidlich überstanden hatten, nicht. „Wir haben einfach gelebt!“, fasst es Otto Saarbourg zusammen. Dr. Irmgard Feldhaus setzt noch einen drauf: „Für uns war’s eine tolle Zeit. Wir waren mental gut drauf.“
Aufbruchstimmung im Zeichen des Zusammenbruchs: Nachgeborene, deren Vorstellungswelt von damals gemeinhin durch trübe Schwarzweißbilder von Trümmerbergen, Kriegerwitwen und Flüchtlingselend geprägt wurde, mögen solche Worte überraschen. Und doch kann es so gewesen sein, wohlgemerkt kann, denn Erinnerung und Verklärung gehen oft Hand in Hand.
Das Kriegsende
Beim Einmarsch der Amerikaner im März 1945 war Neuss eine halbleere Geisterstadt mit 860 000 Kubikmetern Schutt und Ruinen. Von den rund 12 000 zur Wehrmacht einberufenen Männern galten mehr als 2000 als gefallen und 1000 als vermisst; 859 Menschen waren durch Luftangriffe getötet worden. Der Landkreis Grevenbroich-Neuss hatte 1206 Ziviltote zu beklagen. Mehr als ein Drittel des Straßennetzes und aller Brücken in diesem Gebiet waren zerstört.
Das ist nun einmal das Risiko von „Oral History“, gleichwohl sind Zeitzeugengespräche wie jenes, das der Kreisheimatbund Neuss am Freitagabend im gut besuchten Sparkassenforum Neuss veranstaltete, allemal spannend.
Unter der Überschrift „60 Jahre demokratischer Neubeginn im Rhein-Kreis Neuss“ berichteten fünf Damen und Herren unter Moderation von Bernd Müller (WDR) von früher. Nach der Begrüßung durch Franz-Josef Radmacher, Präsident des Kreisheimatbundes, und den stellvertretenden Landrat Dr. Hans-Ulrich Klose führte Kreisarchivar Dr. Karl Emsbach in das Thema ein.
Danach gehörte das Feld der Erlebnisgeneration. Zur Runde gesellten sich neben dem langjährigen Jüchener CDU-Politiker Giesen, dem Neusser Architekten Saarbourg, der ehemaligen Neusser Museumsdirektorin und Archivarin Dr. Feldhaus auch der Zonser Großbauern-Spross Hermann-Josef Meller und die aus Ostpreußen vertriebene und in Allerheiligen erst „gestrandete“ und später heimisch gewordene Hildegard Schroers. Sie alle hatten Glück im Unglück, so viel ist sicher.
Irmgard Feldhaus beispielsweise, die noch im April 1945 ihr Examen abgelegt hatte, arbeitete im Hauptquartier der Briten im Düsseldorfer Stahlhof. Der Bereich „monuments, fine arts and archives“ kümmerte sich um die Rückführung ausgelagerter und verschleppter Kunstgüter, wozu Schloss Dyck zum Depot ausgebaut worden war.
Peter Giesen wiederum hatte kurz vor Kriegsende noch geheiratet und entschied sich schließlich, die Lehrerlaufbahn einzuschlagen. Im alten Garzweiler fasste er beruflich Fuß und stieß bald zur Politik, „um die Schule in Ordnung zu bringen“, wie er es in der Rückschau ausdrückt. Geprägt durch das Elternhaus kam für ihn nur die CDU in Frage. Ob die SPD keine Alternative gewesen sei, hakte Müller nach. „Nö!“ Giesen, ein Mann mit Überzeugungen.
Hermann-Josef Meller wiederum betonte die Rolle seiner durchaus begüterten Familie bei der Herausforderung, die Ernährungslage in Zons und Stürzelberg zu meistern. „Dafür sind die Zonser heute noch dankbar.“ Aus dem Publikum wurden mit Blick auf das Verhalten der Landwirte damals aber auch Misstöne laut: Nicht wenige nutzten den Hunger der Städter schamlos aus, um sich zu bereichern.
Gehungert zwar aber nicht verhungert: So beschrieb Hildegard Schroers ihre Erfahrungen. Von den Russen auf dem Treck überrollt, erlebte sie das Kriegsende noch östlich der Oder. Im Dezember 1945 kam sie nach Allerheiligen, ein besseres Strohlager inl einer Wirtschaft musste als Quartier reichen. Willkommen waren die Flüchtlinge nicht: „Die Bevölkerung war sehr zurückhaltend.“ Integriert haben sich die Ankömmlinge im Laufe der Jahre dennoch - für Giesen eine Leistung, die das Wirtschaftswunder in den Schatten stellt.
Als Otto Saarbourg nach dem Krieg zurück nach Neuss kam, hatte er ein Urerlebnis: „Mein erster Blick war auf St. Quirin gerichtet, der stand noch.“ Für ihn ein Zeichen: „Solange der steht, geht’s aufwärts.“ Ein Impuls nach Neusser Art. „Wir haben uns an die Arbeit gemacht.“
Um politische Ranküne, Wahlkampf, Agitation und ähnliches, was die ersten freien Wahlen im Herbst 1946 begleitet haben mochte, drehte sich das Zeitzeugengespräch weniger, als die Überschrift hatte erwarten lassen. Also Thema verfehlt? Nein, denn das gute Gefühl von Freiheit, ohne die der demokratische Neubeginn nicht denkbar gewesen wäre, war in vielen Worten spürbar.
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