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Rhein-Kreis Neuss: Wo Inspiration geweckt wird

VON SIMON HOPF - zuletzt aktualisiert: 22.10.2009 - 21:30

Rhein-Kreis Neuss (NGZO). Interview: Was Schloss Dyck, kubanische Musik und den "Echo Klassik 2009" miteinander verbindet: Ein Gespräch mit Anette Maiburg, künstlerische Leiterin des "Niederrhein Musikfestivals"

Im Innenhof von Schloss Dyck finden bei gutem Wetter die Konzerte des "Niederrhein Musikfestivals" statt.   Foto:  privat/Niederrhein Musikfestival
Im Innenhof von Schloss Dyck finden bei gutem Wetter die Konzerte des "Niederrhein Musikfestivals" statt. Foto: privat/Niederrhein Musikfestival

Rhein-Kreis Neuss Als künstlerische Leiterin des "Niederrhein Musikfestivals" setzt Anette Maiburg (46) im Rhein-Kreis Neuss kulturelle Akzente. Vor wenigen Tagen gehörte sie zu den Preisträgern des "Echo Klassik", des bedeutendsten Klassik-Preises der Welt, der in der Semperoper Dresden vergeben wurde.

Frau Maiburg, von dem "Echo Klassik 2009", den Sie gerade für die CD "Classica Cubana" in Empfang nehmen konnten, strahlt auch etwas Glanz ab auf das "Niederrhein Musikfestival", das Sie gemeinsam mit Susanne Geer aus der Taufe gehoben haben. Verraten Sie uns in diesem Zusammenhang einige Hintergründe?

Ihr Instrument ist die Querflöte: die Musikerin Anette Maiburg. Foto: privat/Niederrhein Musikfestival

Anette Maiburg Das Programm "Classica Cubana" war eins der Premierenprogramme die wir regelmäßig für das "Niederrhein Musikfestival" initiieren, das heißt, wir entwickeln eigene Programmideen, die dann erstmalig beim Festival umgesetzt werden. Seit einigen Jahren arbeite ich im Duo mit dem kubanischen Gitarristen Joaquín Clerch zusammen, der an der Robert-Schumann-Hochschule als Gitarrenprofessor tätig ist. Natürlich liebt er die Musik seiner Heimat, und so entstand spontan die Idee ein Programm mit kubanischer Musik – aber mit klassischem Klangsinn – zu entwickeln. Dazu haben wir Joaquíns Freund Pancho Amat, den bedeutendsten Tres-Spieler weltweit, aus Kuba zum Festival 2007 und 2008 eingeladen.

"Tres", den Begriff müssen Sie kurz erläutern ...

Maiburg Die Tres ist das Nationalinstrument Kubas, eine kleine Gitarre mit drei doppelten Stahlsaiten. Sie klingt sehr hell und prägnant. Gemeinsam mit Percussion und Bass bildet sie die Grundlage für den kubanischen Sound von "Classica Cubana". Die klassische Flöte und Gitarre bilden den Kontrast zu dem ursprünglichen Klang der Tres. Das macht den Reiz dieses Ensembles aus. Unsere CD-Einspielung, die jetzt den "Echo Klassik 2009" erhalten hat, sehen wir als Anfang unserer künstlerischen Zusammenarbeit.

Welches Echo hat die Verleihung des "Echo" an Sie und Ihre Musikerkollegen innerhalb der Szene ausgelöst? Gibt so etwas dem Festival neue Impulse?

Maiburg Die beiden Kollegen haben sich sehr gefreut, und auch in Kuba wurde die schöne Neuigkeit schnell verbreitet. Pancho Amat kommt ja eigentlich aus der Popularmusik, ist aber sehr daran interessiert, sein Instrument in der klassischen Musikszene zu platzieren. Somit war er sehr glücklich über die Auszeichnung. Das Festival hat schon in diesem Jahr ein weiteres Programm mit der Verschmelzung von Folklore und Klassik aufgelegt, nämlich "Classica Argentina" und ist dabei vom Rhein Kreis Neuss mit einer Festival-CD beim Klassiklabel Dabringhaus und Grimm, die gemeinsam mit mir die CD-Reihe "Classica..." entwickelt haben, großzügig unterstützt worden. Im Mittelpunkt dieser CD stehen Werke des Komponisten Astor Piazzollas. Die CD beinhaltet kammermusikalische Stücke ohne Bandoneon! Hier kommt ein leiser, sanfter Piazzolla zum Vorschein, dessen Wurzeln auch in der europäischen Musikgeschichte zu finden sind. Im nächsten Jahr werde ich ein venezolanisches Programm mit exzellenten Musikern aus Venezuela gestalten.

In diesem Jahr machten sich angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise die Sponsoren des Festivals leider etwas rar ...

Maiburg Wir haben dieses Jahr wirklich gekämpft, aber mit Erfolg, denn wir konnten fünf wunderbare Programme präsentieren. Eins davon war sogar ein Orchesterkonzert mit zwei argentinischen Weltstars, dem Gitarristen Roberto Aussel und dem Bandoneonspieler Juan José Mosalini sowie einem famosen Kammerorchster, der Sinfonietta Köln. Dieses Konzert war in der Finanzierung aufwendiger als ein Kammermusikkonzert. Wir freuen uns, dass wir dieses Programm, trotz Finanzkrise realisiert haben.

Die Konjunktur scheint wieder etwas Tritt zu fassen: Mit welchen Ideen und Plänen nehmen Sie das nächste Festival in den Blick?

Maiburg Wir haben festgestellt, dass unser Publikum die eigens fürs Festival gestalteten Programmideen am meisten schätzt. Wir werden diesen Weg deshalb konsequent weiter gehen. Einige Sponsoren haben uns spontan nach dem vergangenen Festival wieder ihre Unterstützung zugesagt, so dass wir schon wieder in der Sponsoren-Akquise für 2010 tätig sind. Auch ein Kunstgattungen übergreifendes, aufwendigeres Programm in der Langen Foundation ist mit dem Maler Helge Leiberg geplant, der zu impressionistischen Klängen von Claude Debussy bis André Jolvet live über Overheadprojektoren "Bühnenbilder" zur Musik ins Museum zaubern wird.

Warum konnte sich die Neuschöpfung "Niederrhein Musikfestival" innerhalb weniger Jahre überhaupt so erfolgreich etablieren? Immerhin haben Sie das Ganze quasi aus dem Nichts aufgebaut.

Maiburg Gott sei Dank haben Susanne und ich vorher nicht gewusst, wie viel Arbeit auf uns zukommt. Wir haben uns einfach in das Projekt reingearbeitet. Ich denke, das künstlerische Konzept und das Vertrauen der Stiftung Schloss Dyck, des Rhein-Kreises Neuss und der Gemeinde Jüchen haben geholfen, das "Niederrhein Musikfestival" zu etablieren. Uns gelingt es mit unserer frischen Programmgestaltung und den schönen Veranstaltungsorten regional und überregional ein vorwiegend junges Publikum anzusprechen. Das freut uns sehr!

Gibt es so etwas wie ein Qualitätsmanagement? Woran lassen Sie sich messen?

Maiburg Wir kennen unsere Künstler ganz genau und wissen um deren hochrangige Qualität. Da ich selber als Musikerin aus der Branche stamme, stehe ich im ständigen Austausch mit anderen Künstlern. So entstehen in diesem kreativen Umfeld neue Ideen zu spannenden Projekten innerhalb des Festivals. Zu Ihrer zweiten Frage: Ist Kunst messbar? Der Erfolg beim Publikum, ausverkaufte Konzerte, bestätigen unsere Arbeit und zeigen uns den Weg für die Zukunft. Wir haben es geschafft auch sehr anspruchsvolle Werke wie Schönbergs "Pierrot Lunaire", oder Messiaens "Quartett auf das Ende der Zeit" unserem Publikum nahe zu bringen.

Blicken wir vom Festival noch einmal kurz zurück auf den "Echo Klassik". Was bedeutet dieser Erfolg für Sie persönlich – wie werden Sie ihn nutzen?

Maiburg Der "Echo Klassik" in der Kategorie "Klassik ohne Grenzen" bedeutet für mich eine Bestätigung meiner langjährigen Arbeit im Cross-Over-Bereich. Meine musikalische Heimat ist natürlich die Klassik. Meine festen Anstellungen im Orchester und an deutschen Hochschulen habe ich aber zu Gunsten meiner künstlerischen Arbeit mit meinem Instrument, der Querflöte, aufgegeben. Ich beschäftige mich neben der Klassik auch gerne mit unterschiedlichen Musikstilen, wie Jazz, Folklore oder Avantgarde. Durch die Bekanntschaft mit Musikern aus anderen Ländern ist ganz natürlich ein Interesse an Volksmusik anderer Nationen gewachsen. Die Folkloremusik war immer wieder der Ursprung, die Quelle, die Inspiration für alle großen Komponisten. Das ist ein spannendes Feld. Außerdem ist es schön, ganz eigene Programme zu entwickeln, die fernab vom üblichen Flöten-Repertoir stehen und somit sehr individuell sind.

Porträt Anette Maiburg

Quelle: RP

 
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