Die Sommerferien gehen zu Ende, die Schule kommt. Der Schulpsychologe Georg Hoffmeister aus Mönchengladbach gibt Tipps für Eltern, wie sie ihrem Kind im neuen Schuljahr das Lernen erleichtern. Er sagt: „Mütter sollten nicht danebensitzen, wenn Kinder Hausarbeiten machen“.
Zur Person
Name: Georg Hoffmeister
Geboren: 25. Februar 1946
Wohnort: Mönchengladbach
Familie: verheiratet
Beruf: Schulpsychologe
Hobbys: Fotografieren, Reisen, Oper, Ballett, Natur
Herr Hoffmeister, Hoffnungen, Ängste, Sorgen, gute Absichten - viele Schüler und Eltern schauen mit gemischten Gefühlen dem Beginn eines neuen Schuljahres am kommenden Mittwoch entgegen. Was raten Sie, damit der Start gelingt?
Georg Hoffmeister Den meisten Schülern wird es auch durchaus Spaß machen, ihre Mitschüler wiederzusehen. Das heißt, obwohl die Ferien natürlich auch ganz toll sind, ist Schule sicherlich ein wichtiger Ort, an dem viel passiert. Für einen guten Start ins neue Jahr ist es wichtig, dass das Kind sich vornimmt, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
Das kann man natürlich nicht von Erstklässlern erwarten, aber wer zum Beispiel im nächsten Jahr auf eine weiterführende Schule wechseln wird, der muss sich schon entscheiden, sich im neuen Schuljahr ein bisschen mehr anzustrengen und anstrengen heißt, der eigenen Leistungsfähigkeit entsprechend sich einzusetzen.
Dazu fehlt es einer wachsenden Zahl von Kindern am Konzentrationsvermögen.
Hoffmeister Viele Eltern kommen zu uns und klagen, ihr Kind könne sich nicht konzentrieren. Aber Konzentration ist ein Begriff, der oft mit dieser Problematik gar nichts zu tun hat. Konzentration heißt Bündelung der Aufmerksamkeit. Wer bei den Hausaufgaben von all seinen Spielsachen umgeben ist, kann sich eben nicht konzentrieren, sondern wird permanent abgelenkt. Damit das neue Schuljahr gut beginnt, ist es viel wichtiger, dass den Eltern klar wird, nicht sie gehen zur Schule, sondern ihr Kind.
Vor allem sollten Mütter sich nicht stärker den Kopf zerbrechen als ihre Kinder. Es ist sehr wichtig, dass Eltern am schulischen Geschehen Anteil nehmen, sich interessieren, aber ebenso wichtig ist, dass die Hausaufgaben vom Kind bewältigt werden und dass es die Verantwortung dafür übernimmt. Deshalb mein Rat an die Eltern von Erstklässlern: An den ersten zwei Tagen dürfen sie danebensitzen, aber dann sollten sie sich immer stärker zurückziehen. Natürlich soll das Kind Hilfe bekommen, wo es die braucht oder erfragt. Aber grundsätzlich muss klar sein, wer für die Hausaufgaben verantwortlich ist.
Wo ist die Grenze zwischen Hilfe und Überbetreuung?
Hoffmeister Die Grundregel ist: Mütter sollten niemals danebensitzen. Das ist nicht sinnvoll, denn in der Schule, bei Klassenarbeiten, wird das Kind eben auch ganz alleine die Aufgaben bewältigen müssen. Zudem fällt es Lehrern manchmal nicht leicht, die Kinder angemessen zu beurteilen, weil sie gar nicht ahnen, welchen Anteil die Mütter an den Hausaufgaben haben. In den ersten Jahren darf das Kind sowieso nicht mehr als zwanzig Minuten an den Aufgaben sitzen. Wenn ich erlebe, dass manche Schulanfänger schon eine oder sogar zwei Stunden brauchen, dann weiß ich, dass die Schulunlust geradezu vorprogrammiert ist.
Was tun in einer solchen Situation?
Hoffmeister Schauen, wo das Kind Hilfe braucht, und es ermutigen. Wenn das Kind schon eine Stunde über den Aufgaben sitzt, sollte man abbrechen und mit der Lehrerin sprechen. Ohnehin sollten Eltern den Kontakt zur Schule pflegen und zu anderen Eltern. Und sie sollten sich immer wieder fragen, ob der eigene Ehrgeiz nicht zu groß ist.
Eltern stehen selbst unter großem Druck, weil sie wissen, dass der Arbeitsmarkt für ihre Kinder schrumpft und sie deshalb gute Abschlüsse brauchen. Wie kontrolliert man diesen Ehrgeiz, der auf berechtigter Sorge basiert?
Hoffmeister Ehrgeiz der Eltern ist verständlich, aber gefährlich, weil er blockiert. Eltern muss klar sein, dass unter Druck niemand arbeiten kann. Unter Druck ist auch der Begabteste auf Dauer nicht imstande, sein Leistungsvermögen zu entfalten. Denn zur Schule gehört immer auch Lust im Sinne von Erfolg haben. Und diesen Erfolg habe ich nur dann, wenn ich das Gefühl habe, ich selbst habe etwas geschaffen und nicht etwa meine Mutter. Selbständigkeit ist für den Schulerfolg weit wichtiger als Intelligenz.
Eltern lassen sich ihren Ehrgeiz eine Menge kosten. Rund eine Milliarde Euro werden jährlich in Nachhilfe investiert, jeder vierte Schüler nimmt jenseits der Schule professionelle Hilfe in Anspruch.
Hoffmeister Nachhilfe macht nur Sinn, um gezielt Lücken aufzuarbeiten. Sie sollte keine permanente Begleitung der Kinder sein. Anders ist es mit der Hausaufgabenbetreuung, die die Eltern durchaus entlasten kann.
Sorgen und Ängste der Eltern fangen schon bei der Schulwahl an.
Hoffmeister Deshalb wollen manche Eltern von uns wissen, welches die beste Schule ist, aber das ist natürlich immer subjektiv. Die Lernsituation kann in einer Klasse hervorragend sein und schon in der Parallelklasse ist sie katastrophal. Was nutzt es da, eine Schule zu empfehlen, wenn die Unterschiede so groß sein können?
Ein Kind, das Erfolg erlebt und gute soziale Kontakte aufbauen kann, wird aber überall ein guter Schüler sein, denn die meisten Kinder sind normal begabt. Wir haben sehr viele Anfragen wegen Hochbegabungen, aber da steckt oft gar nicht das hinter, was Eltern sich vielleicht vorgestellt haben.
Zahlreiche Schüler starten als Sitzenbleiber ins neue Jahr. Was können Eltern tun, damit Kinder an ihren Misserfolgen nicht resignieren?
Hoffmeister Ich hoffe, dass diesen Kindern in sechs Wochen Ferien ein Abstand zur Schule gelungen ist. Es ist dringend ratsam, das Zeugnis als Bilanz zu sehen, und wenn die eben negativ war, muss man halt neu starten. Eltern sollten ihre Kinder in dieser Situation ermutigen und Kontakt zu den neuen Lehrern suchen. Problematisch ist natürlich die Situation im neunten Schuljahr. Wer bereits wiederholt hat und das neue Schuljahr wieder nicht schafft, muss die Schule ohne Abschluss verlassen.
Es gibt Schüler, die sich aus Frust völlig zurückziehen.
Hoffmeister Hinter vielen aggressiven Handlungen stecken solche Dinge. Wer käme auf die Idee, dass ein aggressives Kind, das sich selbst ausschließt, sich in Wahrheit jämmerlich hilflos fühlt. Wenn man schaut, was hinter solchen Verhaltensauffälligkeiten steckt, ist man oft schon ein Stück weiter.
Wie können Eltern erkennen, welche weiterführende Schule für ihr Kind die richtige ist?
Hoffmeister Zu Beginn des vierten Schuljahres sollten die Eltern durch Gespräche mit den Lehrern bereits zu einer Vorentscheidung gekommen sein. Das Gymnasium geht in großen Schritten voran und erwartet deshalb, dass die Schüler neben den Hausaufgaben noch überlegen, was sie zusätzlich tun können, um mitzukommen. Diese Selbständigkeit ist am Gymnasium sehr wichtig, auch wenn sie nichts mit Intelligenz zu tun hat.
Die Realschule ist dagegen sehr viel anschauungsgebundener, fordert viel Fleiß und erreicht ihre Ziele in kleinen Schritten. Mit Fleiß alleine kann man das Gymnasium dagegen nicht schaffen, sondern braucht auch ein gutes abstrakt-logisches Vermögen. 48 Prozent aller Schüler am Gymnasium bleiben auf der Strecke. Viele davon gehen ab und machen dann die Karussellfahrt über die Realschule auf die Hauptschule. Am Ende dieser Abwärtsspirale steht dann ein völlig frustriertes Kind.
Oft tun sich Eltern schwer, in der vierten Klasse die logisch-analytischen Fähigkeiten ihrer Kinder realistisch einzuschätzen. Manche Kinder brauchen mehr Zeit für ihre Entwicklung, sind allerdings nicht dümmer.
Hoffmeister Deshalb ist für manche Kinder die Gesamtschule genau die richtige Schulform, weil dort einfach alle unter einem Dach vereint sind. Sie ist ganz anders aufgebaut und bietet gerade Spätentwicklern bessere Möglichkeiten. Insgesamt sollten Eltern schauen, ob sich ihr Kind für Schule interessiert, ob es neugierig ist. Kinder, die auch schon mal Nachrichten schauen oder die Wissenssendungen, werden am Gymnasium viel erfolgreicher sein als andere.
Auch Lesen ist relevant: Wenn ein Kind sich partout nicht dafür interessiert, dann warne ich eher vor dem Gymnasium. Im Zweifel sollte man sich sowieso für die niedrigere Schullaufbahn entscheiden. Wer hier Erfolg hat, ist motiviert und kann später immer noch auf verschiedensten Wegen den angestrebten Abschluss erreichen, sogar den Nobelpreis.
Gibt es generell große Klippen in der Schullaufbahn?
Hoffmeister Die größte Klippe ist eindeutig die Klasse sieben, in der die meisten Schüler sitzen bleiben. Am Gymnasium kommt hier die zweite Fremdsprache hinzu, mitten in einer psychischen Umbruchsituation. Das ist nicht sinnvoll. Man sollte überlegen, ob man - wie es derzeit geschieht - die Belastung verringert, indem man die erste Fremdsprache bereits in die Grundschule verlagert. Lehrer und Eltern sollten insgesamt mehr Rücksicht auf diese Situation nehmen. Gerade bei großen Kindern, die aussehen wie fünfzehn, aber erst zwölf sind, erwarten Lehrer zu viel.
Grundsätzlich raten Sie Schülern und Eltern zu Gelassenheit beim Thema Schule?
Hoffmeister Die Gelassenheit ist das Wichtigste. Zudem sollte man nicht immer auf das Ende schielen, weder auf das der Schulzeit noch auf das nächste Zeugnis. Wer nur auf das Ergebnis schaut, steht bereits unter Druck und vergrößert die Chance, dass es danebengeht.
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