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Herzenssache: „Ohne Hilfe läuft hier nichts“

VON SIMON HOPF - zuletzt aktualisiert: 24.11.2006 - 22:00

Rhein-Kreis Neuss Die NGZ-Aktion „Herzenssache“ unterstützt in diesem Jahr auch ein Projekt in Uganda. Im Distrikt Kisoro entsteht am dortigen St. Francis Hospital durch Spenden eine neue Kinderstation. Die aus Hoisten stammende Waltraud Ndagijimana berichtet.

Frau Ndagijimana, Sie leben seit mehr als 30 Jahren in Uganda. Warum sind Sie damals ausgewandert?

Waltraud Ndagijimana Mein Mann kommt aus Uganda, aus einem kleinen Dorf im Südwesten des Landes. Er wollte am dortigen Missionskrankenhaus als Gynäkologe praktizieren. Ich bin am 2. Juni 1976 nach Uganda ausgewandert.

Das war zu einer Zeit, als Diktator Idi Amin dort herrschte und die Menschen tyrannisierte. Es war auch für Weiße damals nicht ganz ungefährlich. Zum Glück liegt Kisoro im Dreiländereck an der Grenze zum Kongo und zu Ruanda. Wir hätten jederzeit dorthin fliehen können.

Leider hat sich in späterer Zeit insbesondere die Nähe zu Ruanda als nicht unproblematisch erwiesen. Während des Krieges dort von 1990 bis 1995 kamen ständig Flüchtlinge. Manchmal waren es mehr als 10 000. Wir erlebten das Elend dieser Menschen hautnah.

Auch der Kongo ist bis zum heutigen Tag unruhig. Es passiert immer wieder, dass bewaffnete Milizen Grenzdörfer überfallen.

Wie würden Sie Uganda beschreiben?

Ndagijimana Vieles ist einfach immer noch abenteuerlich - besonders in Bezug auf die Natur. Es gibt hier viele Naturparks, wilde Tiere auch, dicht bei Kisoro leben die Berggorillas.

Die Straßen sind oft so schlecht, dass man sich freuen kann, wenn man abends auch dort ankommt, wo man hinwollte. Für mich ist es weniger eine Faszination, sondern eher eine Herausforderung, denn es gibt hier so viele Probleme, bei denen man gezwungen ist, Stellung zu nehmen oder sich aktiv zu beteiligen.

Mit welchen Problemen haben denn die Menschen zu kämpfen?

Ndagijimana Ein Großteil der Menschen hat gegen die Armut anzukämpfen. Man verdient sehr wenig, das gilt auch für Lehrer und alle Beamte. Die meisten Menschen leben von dem, was sie auf dem Feld anbauen.

Wenn das Wetter gut ist und man eine gute Ernte hatte, dann gibt es genug zu essen, und man kann auch noch etwas verkaufen, um damit Kleidung, Salz etzetera zu erstehen.

Die Familien sind oft sehr groß. Viele alte Leute müssen ihre Enkelkinder erziehen, weil die Eltern an Aids gestorben sind. Gerade sie brauchen Unterstützung. Es gibt auch Familien, die nur noch aus Kindern bestehen. Die haben es besonders schwer.

Sie wohnen in Kisoro. Was ist das für eine Stadt?

Ndagijimana Kisoro ist die Hauptstadt des Distrikts Kisoro. Aber man sollte sich das nicht als eine Stadt wie in Deutschland vorstellen. Es gibt zwei Teerstraßen, die fangen in der Stadt an und hören auch dort wieder auf. Rundherum gibt es nur bessere Feldwege.

Wir haben hier zwar eine Menge kleinerer Geschäfte, im Grunde genommen verkaufen die aber alle dasselbe: Kleidung, Ersatzteile für Autos, Baumaterialien. Auf dem Wochenmarkt werden Naturalien, Tiere, Stoffe, gebrauchte Kleidung und Schuhe verkauft.

Der Neusser Verein „Miteinander für Uganda“ hat sich den Neubau einer Kinderstation am St. Francis Hospital zum Ziel gesetzt. Welche Strahlkraft hat dieses Projekt in der Region?

Ndagijimana Das Projekt der Kinderklinik ist in der Tat ein ehrgeiziges. Die Idee kam, als wir unser fast 50 Jahre altes Krankenhaus einmal etwas genauer unter die Lupe genommen haben. Unser Kindersaal ist hoffnungslos überaltert. Es ist ein großer Saal mit etwa dreißig Kinderbetten.

Dort ist es sehr laut, der Raum kann auch nicht gut überwacht werden. Schwerkranke Kinder liegen neben weniger kranken. Infektionskrankheiten können nur mit Mühe von anderen Kindern abgeschirmt werden. Die Mütter sind ständig bei den Kindern und tragen sie oft überall herum.

Außerdem haben wir Kinder, die häufiger krank sind, weil sie HIV-positiv sind. All diese Übel haben wir mit dem Bau der neuen Klinik abgeschafft, weil wir kleinere Räume gebaut haben, wo die Kinder sich nicht noch anstecken.

Wir haben auch Zimmer, wo besonders kranke Kinder besser versorgt werden können und wo die Mutter auch ein Bett hat. Im alten Krankensaal schliefen sie auf dem Zement unter den Kinderbetten. Diese Kinderklinik ist einzigartig im Südwesten Ugandas. Im Januar kommt ein amerikanischer Kinderarzt und wird drei Jahre lang hier arbeiten.

Gibt es Schwierigkeiten mit Behörden, oder läuft alles reibungslos?

Ndagijimana Es gibt überhaupt keine Schwierigkeiten mit den Behörden. Alle freuen sich, dass etwas passiert, dass es vorangeht.

Ist es richtig, dass von außen Entwicklungshilfeprozesse in Gang gesetzt werden? Kritiker mögen einwenden, den „armen Afrikanern“ werde von wohlstandssatten Bürgern aus Deutschland aus schlechtem Gewissen mal wieder etwas vermeintlich Gutes übergestülpt.

Ndagijimana Ich weiß nicht, was die Kritiker immer wollen. Es stimmt, dass sehr viele Afrikaner sehr arm sind, und es stimmt auch, dass ohne Hilfe hier nichts läuft, dass ohne den Verein „Miteinander für Uganda“ dort, wo jetzt eine schöne Kinderklinik steht, jemand Kartoffeln anbauen würde. Ich meine, man sollte sich freuen, wenn Leute etwas spenden.

Wie wird gewährleistet, dass die Spenden der NGZ-Leser dort ankommen, wo sie Verwendung finden sollen?

Ndagijimana Alles Geld wird auf das Konto von „Miteinander für Uganda“ in Deutschland übertragen und von dort direkt auf das Konto des St. Francis Hospital in Kisoro weitergeleitet. Alle Ausgaben werden belegt und alle Belege im Original nach Deutschland zurückgeschickt zur Prüfung bei der örtlichen Steuerbehörde. Es werden keinerlei Verwaltungskosten von dem Geld bezahlt.

Haben Sie weitere Aktionen geplant?

Ndagijimana Nach dem Bau der Kinderklinik wollen wir uns um besonders arme Familien in den Dörfern kümmern, das heißt um die Kinderfamilien, die wenig Land haben und nur eine baufällige Hütte zum Leben. Das soll unter dem Motto „Wir bauen ein Zuhause für ...“ stehen. Das Geld soll den jeweiligen Waisenfamilien zugute kommen.

Wie halten Sie Kontakt zu Ihrer alten Heimat? Wollten Sie nie zurück?

Ndagijimana Meine Kinder leben in Deutschland. Sie besuchen uns, oder wir besuchen sie. Ich telefoniere oft mit ihnen. Ich habe guten Kontakt zu meinen Schwestern und ihren Familien und zu meiner Verwandtschaft. Wenn ich in Deutschland bin besuche ich meine alten Schulfreundinnen.

Ich habe auch guten Kontakt zur Katholischen Frauengemeinschaft Hoisten. Sie hat über viele Jahre einen wertvollen Beitrag zur Ausbildung vieler Kinder geleistet, die heute unter anderem als Ärzte, Lehrer, Krankenschwestern arbeiten.

Die Frauengemeinschaft zahlt seit langem alle Bettlaken für das Krankenhaus, und schon mancher Patient im St. Francis Hospital Mutolere hat einen Notgroschen erhalten. Wir haben sehr viel Besuch aus Deutschland oder Holland und anderen Ländern.

Es ist eigentlich immer jemand da. Ich hatte trotzdem oft den Wunsch zurückzugehen, nämlich jedes Mal, wenn etwas richtig schief gegangen war, wenn man mal alles hinschmeißen und alles vergessen wollte. Ich freue mich immer, nach Deutschland zu kommen, es ist meine erste Heimat.

Was können Sie den Lesern der Neuß-Grevenbroicher Zeitung mit auf den Weg geben?

Ndagijimana Vielleicht zufrieden zu sein und das zu schätzen, was man hat, fröhlich zu sein und es auch zu zeigen. Zusammenzuhalten, um besser zusammenzuleben, Familie und Freunde zu schätzen, Mitleid zu haben und teilen zu können. Und mal richtig schön Weihnachten zu feiern und nicht nur darüber nachzudenken, ob die Kugeln am Baum auch genau mit den Schleifchen und Kerzen übereinstimmen.

Quelle: NGZ


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