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Serie - Geschichte im Rheinland (6): Preußen am Rhein

VON MICHAEL HAMERLA - zuletzt aktualisiert: 08.07.2008 - 10:54

Erbschaften und Kriege brachten Brandenburg im 17. Jahrhundert in den Westen Deutschlands. Aber erst seit 1815 wurde das ganze Rheinland zwischen Kleve und Kreuznach von Berlin aus regiert.

Landschaftskunst im 17. Jahrhundert: Statthalter Moritz von Nassau ließ eine Sichtachse vom klevischen Stadtrand über den Rhein bis nach Elten legen. Teile der historischen Sichtachse wurden vor einigen Jahren wiederhergestellt.  Foto: NGZ
Landschaftskunst im 17. Jahrhundert: Statthalter Moritz von Nassau ließ eine Sichtachse vom klevischen Stadtrand über den Rhein bis nach Elten legen. Teile der historischen Sichtachse wurden vor einigen Jahren wiederhergestellt. Foto: NGZ

Als Länder noch vererbt wurden wie heute Grundstücke, waren Heiraten und daraus folgende Erbansprüche wichtig für das Wachstum von Territorien. Sie waren oft auch Anlass für Kriege. Mehrere Jahrzehnte dauerte ein Erbfolgestreit, nachdem 1609 der letzte Herzog von Jülich, Kleve und Berg, der geisteskranke Johann Wilhelm I., gestorben war.

In diesem Streit warf der 30jährige Krieg seine Schatten voraus, vermischten sich religiöse und machtpolitische Interessen. Als der Streit 1666 rechtlich verbindlich beendet wurde, hatte sich an Rhein und Ruhr eine künftige Großmacht etabliert: Preußen.

Die Länder an Rhein und Ruhr waren trotz kriegerischer Verwüstungen wirtschaftlich gut entwickelt und machtpolitisch interessant. Das Haus Habsburg hätte sie gern kontrolliert, um die spanischen Niederlande zu sichern und die aufständischen niederländischen Nordprovinzen nieder zu werfen. Diese wiederum wollten zumindest das angrenzende Herzogtum Kleve kontrollieren. Unterstützt wurde die Niederländer von Frankreich und England, die Habsburgs Macht eindämmen wollten.

Diese gegensätzlichen Interessen prallten nach dem Tod Johann Wilhelms aufeinander. Von ihnen profitierten zwei lutherische Fürsten, die auf die Länder des Verstorbenen Ansprüche anmelden konnten: Johann Sigismund, der Kurfürst von Brandenburg , und Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, einer Nebenlinie der Wittelsbacher.

Beide waren schnell, wurden von den aufständischen Niederländern sowie England und Frankreich unterstützt. Sie vereinbarten, gemeinsam zu regieren, was Kaiser Rudolf II. , ein Habsburger, vergeblich zu verhindern suchte. Doch die Eintracht von Brandenburg und Pfalz-Neuburg währte nicht lange. Nach einigen Kämpfen kamen sie unter dem Druck der Niederlande, Frankreichs und Englands 1614 überein, die Territorien zu trennen: Jülich und Berg an Pfalz-Neuburg, Kleve und die Grafschaften Mark und Ravensberg an Brandenburg. Diese Trennung, obwohl noch Jahrzehnte umstritten, erwies als endgültig.

Die neuen Besitzer - Johann Sigismund war inzwischen Calvinist, der in Düsseldorf residierende Wolfgang Wilhelm Katholik – waren allerdings noch lange nicht überall Herren in ihren Ländern. Immer wieder waren Landstriche und Städte durch Spanier oder Niederländer besetzt. Der Kurfürst von Brandenburg musste hinnehmen, dass die wichtigste Stadt des Herzogtums Kleve, Wesel (wo heute ein großes Museum an die preußische Herrschaft erinnert), von 1614 bis 1629 von Spaniern besetzt war und dann bis 1672 eine niederländische Garnison hatte.

In diesen ersten Jahrzehnten schien es, als würde die Zugehörigkeit Kleves zu Brandenburg nicht viel ändern. Der Kurfürst war weit weg in Berlin, in Kleve und Mark nur durch Beauftragte vertreten. Das Kriegsgeschehen, von dem die rechtsrheinischen Städte des Herzogtums auch profitierten, weil über sie der niederländische Handel in andere deutsche Länder lief, beanspruchte die Aufmerksamkeit der Regierenden. Das waren die Räte der Städte und die Stände.

Das allerdings änderte sich, nachdem 1640 in Berlin ein junger Kurfürst das Regiment übernommen hatte. Friedrich Wilhelm, von der Nachwelt der „Große Kurfürst“ genannt, übernahm keinen brandenburgischen Staat, sondern eine Anzahl verstreuter Fürstentümer mit jeweils eigenen Verwaltungen.

Als er nach fast 50 Jahren Herrschaft 1688 starb, hinterließ er einen ziemlich zentralistisch organisierten Staat, der von Berlin aus regiert wurde. Friedrich Wilhelm schuf die Basis, auf der seine Nachfolger Preußen – ursprünglich nur der Name für den ehemaligen Staat des Deutschen Ordens östlich der Weichsel, den der letzte Hochmeister, Albrecht von Brandenburg, zu einem Herzogtum umgewandelt hatte - als Königreich und deutsche Großmacht errichten konnten.

Friedrich Wilhelm verfolgte eine absolutistische Politik, die dem einheimischen Adel einerseits Herrschafts-Rechte nahm, ihn anderseits aber von Steuern befreite und ihm Bauern untertan machte. Auf diese Weise wurden die Stände gespalten und verloren Rechte zur Steuer-Bewilligung. Auch die Macht der Städte und ihrer Räte beschnitt der Kurfürst.

Am Niederrhein und an der Ruhr hatte das nicht so schwerwiegende Folgen wie in Brandenburg und Preußen. Die Ost-Strukturen ließen sich nicht in den Westen verpflanzen: Die großen Gutswirtschaften der Junker, die Leibeigenschaft der Bauern, bürgerliche Unterwürfigkeit.

Im Westen waren die Städte, auch wenn der Kurfürst sie schwächte, stärker, waren Handel und die Vorläufer der Industrie (Bergbau, Weberei) weiter entwickelt – und es hatte auch Widerstand gegeben. 1646 hob der Kurfürst Truppen aus und fiel in das Herzogtum Berg ein, um seine Stellung gegen Pfalz-Neuburg zu verbessern.

Die klevischen Stände forderten, teilweise unter dem Schutz niederländischer Garnisonen, die Bürger per Plakat auf, die Steuern für diesen Feldzug zu verweigern. Danach erneuerten die Stände von Kleve und Mark, Jülich und Berg ein altes Versprechen: einander Beistand zu leisten und jeder Beschneidung ihrer Freiheiten Widerstand entgegen zu setzen. Der Kriegszug des Kurfürsten wurde ein Fiasko. Doch um 1660 war seine Herrschaft auch in Kleve und Mark unangefochten.

Es gab ja auch Verbindendes. Der Statthalter des Kurfürsten, Prinz Johann Moritz von Nassau-Siegen sorgte dafür, dass das zu Kleve gehörende Duisburg eine Universität bekam. Der Kurfürst selbst hatte eine oranische Prinzessin geheiratet, was nicht nur den niederländischen Einfluss in Kleve, sondern auch in Brandenburg stärkte.

Aus dieser Ehe erwuchsen Erbansprüche auf die Grafschaft Moers und deren Exklave Krefeld. Diese Stadt mit ihrer wichtigen Seidenproduktion kam 1703, unter Friedrich Wilhelms Nachfolger, dem ersten König, Friedrich I. zu Preußen. Bald folgten Moers und – nach dem spanischen Erbfolgekrieg – große Teile des Herzogtums Geldern.

Neben Geldern waren das die Ämter Straelen, Wachtendonck und Krickenbeck (mit der Exklave Viersen) östlich der Maas und westlich des Flusses das Amt Kessel. Erstmals besaß Preußen ein fast ausschließlich katholisches Territorium, in dem überdies noch Jahrzehnte lang Niederländisch die Hauptsprache war. Erst nach 1815, als das ganze Rheinland preußisch geworden war, gelang es den Behörden, Deutsch als Hauptsprache durchzusetzen.

Kleve, Mark, Moers, Geldern – das war bis zu den Kriegen der französischen Revolution der preußische Streubesitz im Westen. Zur Großmacht wurde Preußen im Osten. Durch den Erwerb Pommerns, die Kriege Friedrichs des Großen, durch die polnischen Teilungen. Gleich nach seinem Regierungsantritt 1740 hatte Friedrich II. Anstrengungen seines Vaters, das Herzogtum Berg zu erwerben, aufgegeben. Im siebenjährigen Krieg lernte er, dass der Streubesitz nicht zu verteidigen war. 1776 erwog er, seine rheinischen Besitzungen gegen Sachsen einzutauschen.

Umso merkwürdiger mutet es an, dass Preußen nach den Turbulenzen der napoleonischen Kriege durch den Wiener Kongress das ganze Rheinland erhielt. Friedrich Wilhelm III. hätte viel lieber Sachsen übernommen. Doch Österreichs Kanzler Metternich fürchtete, mit Sachsen werde Preußen stärker als der Nachbar Österreich. Und die britische Regierung wollte eine starke Wacht am Rhein, um französischem Übermut vorzubeugen. So blieb das Königreich Sachsen bis 1918 erhalten.

Preußen, das 1815 einige Gebiete an der Maas an die Niederlande hatte abtreten müssen, reichte am Rhein nun von Kleve bis Saarbrücken und Kreuznach. Das blieb im Prinzip so, bis Preußen nach dem 2. Weltkrieg von den Alliierten aufgelöst wurde. 1815 war ihm auch Westfalen zugeschlagen worden. Die neu erworbenen Gebiete machten den Staat unendlich viel mächtiger als es Metternich sich hatte vorstellen können.

Am Rhein, an der Ruhr, im Sauerland, auf dem Gebiet des alten Herzogtums Berg wuchsen in den nächsten Jahrzehnten - trotz einiger Schwierigkeiten des preußischen Staat vor allem mit seinen katholischen Untertanen - die Kräfte heran, die es Preußen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermöglichten, Deutschland zu einigen. Die Industrialisierung schuf neue Städte, neue politische Ordnungen, eine neue Gesellschaft.


 
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