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Serie - Geschichte im Rheinland (10): Revolution und Besetzung

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 10.07.2008 - 12:41
Gleich zu Beginn gerät die erste deutsche Demokratie in Not: Auch im Rheinland sind die inneren Verhältnisse der Weimarer Republik zunächst chaotisch. Höhepunkt der Krise ist das Jahr 1923 mit der Okkupation des Industriereviers, Inflation und separatistischen Putschversuchen. Danach stabilisiert sich die Lage – bis zur großen Wirtschaftskrise.

Revolution! Das Wort ist Verheißung für die einen, für die anderen blanker Horror. Im November 1918 scheinen auch im Rheinland die Grundfesten aller Ordnung zu wanken. Diese Tage sind Anfang und Ende zugleich: Der Kaiser dankt ab, neue Herren übernehmen die Macht.

Paul von Hindenburg wurde zu einer Art Ersatzkaiser. Foto: NGZ

Ihre roten Fahnen wehen auch in Duisburg. Am 9. November rufen die Revolutionäre am Rathaus den Sieg des Proletariats aus, befreien Militärsträflinge und besetzen den Bahnhof. „Die Stadt ist völlig in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte“, schreibt Oberbürgermeister Karl Jarres dem Regierungspräsidenten in Düsseldorf – und fügt hinzu: „Auch dieser Karneval wird ja einmal zu Ende gehen.“

Der „Karneval“ ist etwas Unerhörtes: die Geburtsstunde der ersten deutschen Demokratie. Es ist eine Sturzgeburt unter dem Schock des verlorenen Kriegs. Auch am Rhein verläuft sie unter Krämpfen. Auch hier wechseln radikale Linke und radikale Rechte in ihren Versuchen ab, mit Gewalt dem Land ihr System aufzuzwingen. Jarres bekommt das in Duisburg am eigenen Leib zu spüren: Er wird aus seinem Amtszimmer auf die Straße gezerrt, geschlagen und beschimpft – die Revolutionäre aber, weniger rabiat als ihre russischen Brüder, schrecken vor dem Äußersten zurück und lassen ihn am Leben.

Mehr noch: Jarres überzeugt die Umstürzler von einer gedeihlichen Koexistenz – „wir können miteinander Skat spielen, aber regieren lasst mich allein, das habe ich gelernt.“ Zu ergänzen wäre: Und ihr spielt weiter Revolution. Schlecht und recht gelingt es so, die Lage einigermaßen zu kontrollieren. Bis zum März 1920: Nach dem gescheiterten Putsch der Rechten besetzt eine „Rote Ruhrarmee“ die Stadt. Die Reichswehr vertreibt sie mit Waffengewalt.

Die Verhältnisse im Inneren sind so chaotisch, weil sich außenpolitisch kaum fassbare Dinge abgespielt haben: Deutschland hat den Krieg verloren. In den vier Jahren zuvor haben auch die Menschen im Rheinland um ihre Verwandten an der Front gezittert, haben getrauert, gejubelt und gehofft, und sie haben, zumindest in den Städten, gehungert. Weil das Kaiserreich die Lebensmittelversorgung nicht sichern kann und weil große Teile der Bevölkerung verarmen, genügt 1918 die Agitation kleiner Gruppen von Arbeitern und Soldaten, um das morsche Staatsgebäude einzureißen.

Der Waffenstillstand vom 11. November sieht vor, dass die deutschen Truppen vom linken Rheinufer abzuziehen sind. Franzosen und Belgier rücken nach. Das Rheinland, geographisch am Rande Deutschlands gelegen, wird Krisenherd – und rückt so immer wieder politisch in den Mittelpunkt.

Das Rheinland als eigener Staat?

Denn es knirscht in den Fugen des Reichs. Das Besatzungsregime bringt Tag für Tag eine Frage aufs Tapet, die deutschen Nationalisten die Tränen in die Augen treibt: Soll das Rheinland ein eigener Staat werden? Eine Rheinische Republik? Und wenn schon nicht ganz selbstständig, dann zumindest ein eigener Bundesstaat im Reich, unabhängig von Preußen?

Nicht wenige Rheinländer treten dafür ein; ihre Gründe sind vielfältig: Ressentiments gegen das protestantisch geprägte, preußisch dominierte Reich, ein eigenes, sozusagen karolingisches Geschichtsbewusstsein vor allem links des Rheins, bisweilen leidenschaftliche Frankophilie. Auch der Kölner Oberbürgermeister ruft zunächst das „Los von Berlin!“. Erst als er erkennt, dass ein selbstständiges Rheinland auch im Reichsverbund auf legalem Wege nicht zu bekommen ist, zieht er sich von den Separatisten zurück. Sein Name ist Konrad Adenauer.

Alle Konfliktlinien treffen sich in einem Jahr: 1923. Im Januar tun Franzosen und Belgier, womit sie schon seit Monaten drohen. Sie überschreiten den Rhein, besetzen das Ruhrgebiet, um vom Deutschen Reich die Ablieferung der fälligen Kriegsentschädigungen zu erzwingen. Duisburg und Düsseldorf hatten die Franzosen schon zwei Jahre zuvor komplett besetzt. Die Städte in und am Rande der Besatzungszone bringt die Okkupation in bizarre Schwierigkeiten. Das kleine Hückeswagen zum Beispiel ist monatelang in eine besetzte und eine unbesetzte Hälfte geteilt.

Reich am Rand des Abgrunds

Die Besetzung treibt das Reich an den Rand des Abgrunds. Berlin pumpt Milliarde um Milliarde in die besetzten Gebiete, die es zum „passiven Widerstand“ aufgefordert hat, also zur Widersetzlichkeit gegen die Besatzer, und muss dafür immer mehr Geld drucken. Folge ist eine Inflation, die groteske Züge annimmt. Am Ende, im Herbst, sind die Scheine vom Morgen am Mittag fast wertlos; Pfarrer halten die Kollekte mit Waschkörben.

Zudem versuchen die französischen Besatzer eifrig, die deutschen Fliehkräfte zu verstärken. Die Rheinländer sind zerrissen zwischen Patriotismus, Regionalstolz und dem alltäglichen Chaos. „Zu Frankreich hinüber wollte keiner, bei Preußen bleiben wenige“, resümiert Kurt Tucholsky – und irrt wohl mit dem Urteil: „Was sie wollten, war Befreiung aus der Hölle der Inflation und Schaffung einer eignen autonomen Republik.“ Reihenweise wird im Herbst 1923 in rheinischen Städten geputscht, geschossen, werden Rheinische Republiken proklamiert. Zwar brechen die Aufstände schnell zusammen (auch weil der Rückhalt in der Bevölkerung fehlt), zwar stabilisiert die neue Rentenmark das Geldsystem – das Trauma der Inflation aber hat vielen das Vertrauen in die Demokratie zerstört.

Der Katastrophenzeit folgt zunächst die Erholung. Als „Goldene Zwanziger“ hat sich die Zeit im deutschen Gedächtnis festgesetzt. Tatsächlich nehmen auch die Städte am Rhein am allgemeinen, bescheidenen Aufschwung teil. 1925 ziehen die Soldaten aus Düsseldorf und Duisburg ab, 1930 verlässt der letzte ausländische Soldat das Rheinland. Düsseldorf wird Einkaufsmetropole und ist spätestens mit der Ansiedlung der Vereinigten Stahlwerke 1926 der „Schreibtisch des Ruhrgebiets“. Die Kulturschau Gesolei („Gesundheit, soziale Fürsorge und Leibesübungen“), die größte Messe der Weimarer Republik, soll im gleichen Jahr neue soziale und wirtschaftliche Perspektiven aufzeigen. Allerdings: Die angestrebte Erziehung zum neuen Menschen auch durch „Rassenhygiene“ (so heißt eine Abteilung) weist schon auf die NS-Diktatur voraus – die Moderne zeigt ihr doppeltes Gesicht. Abseits der Metropolen jedoch bleibt das Rheinland konservativ, die Kirche stark, das katholische Zentrum beherrschend.

Nur einer der Weimarer Reichskanzler stammt aus dem Rheinland – der Kölner Wilhelm Marx. Mit einer Amtszeit von mehr als drei Jahren hält ausgerechnet er den Rekord politischer Langlebigkeit in der Zwischenkriegszeit. Auch die beiden rheinischen Stadtoberhäupter Jarres und Adenauer wären in der Weimarer Republik beinahe in höchste Ämter gelangt. Adenauer ist 1926 als Kandidat für den Posten des Reichskanzlers im Gespräch. Statt seiner wird es dann Wilhelm Marx, Adenauer bleibt in Köln. Kanzler wird er erst 1949, in der nächsten Demokratie.

Noch dramatischer verläuft die Karriere von Jarres. Der Duisburger Oberbürgermeister, zwischenzeitlich bereits Reichsinnenminister, tritt als Kandidat der Rechten zur Präsidentenwahl 1925 an – und führt im ersten Wahlgang. Erst als klar wird, dass er gegen einen Kandidaten der Mitte keine Chance hat, zieht Jarres zurück. Statt seiner tritt im zweiten Durchgang der Weltkriegsheld und Feldmarschall Paul von Hindenburg an. Die Deutschen wählen ihn.

Ob das nun ein Segen für die erste deutsche Demokratie gewesen ist, weil die Identifikationsfigur Hindenburg eine Art Ersatzkaiser wird, oder ein Fluch, weil der Greis am Ende Adolf Hitler an die Macht hievt, wissen die Historiker bis heute nicht recht zu beantworten. Jarres jedenfalls bleibt in Duisburg, bis die Nazis ihn 1933 aus dem Amt jagen.

Die neue Fahne trägt das Hakenkreuz

Anders als die Bundesrepublik ist die Weimarer Republik nie recht eine rheinische geworden. Ihr Anfang und ihr Ende sind symptomatisch dafür. So wie die Rheinländer 1918 in ihrer Mehrheit keine Revolutionäre sind, sind sie 1933 in ihrer Mehrheit keine Nazis. Denn im katholischen Milieu und unter den Industriearbeitern hat Hitler Probleme, Fuß zu fassen, sogar unter den verstörenden Bedingungen der großen Wirtschaftskrise ab 1929.

Selbst der stramme Rechte Jarres schwankt in seiner Einstellung gegenüber den Nazis. Als er das Wedaustadion für eine NS-Kundgebung öffnen soll, weigert er sich. Ein Nationalsozialist erwidert ihm: „Es kommen aber unheimlich viele Leute!“ Darauf Jarres: „Sie meinen wohl: viele unheimliche Leute.“

1933 wird, wie 1918, eine Revolution ausgerufen. Am Ende der Weimarer Republik weht wie an ihrem Anfang eine rote Fahne über dem Rheinland. Dieses Mal aber trägt sie in ihrer Mitte das Hakenkreuz.


 
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