kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
Kommentare ()

NGZ-Gespräch mit Dr. Josef Mangold: Rheinische Lebenswelten

VON SIMON HOPF - zuletzt aktualisiert: 27.12.2009

Das Freilichtmuseum Kommern besteht seit 50 Jahren. Ein Rück- und Ausblick mit Museumsleiter Dr. Josef Mangold

In der thematischen Gestaltung der Ausstellung „Wir Rheinländer“ spiegelt sich rheinische Geschichte von der Franzosenzeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wider. Die Gesichter der Figuren
sind „real existierenden“ Rheinländern nachempfunden.  Foto: NGZ
In der thematischen Gestaltung der Ausstellung „Wir Rheinländer“ spiegelt sich rheinische Geschichte von der Franzosenzeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wider. Die Gesichter der Figuren sind „real existierenden“ Rheinländern nachempfunden. Foto: NGZ

Kommern Wer nach Kommern kommt, dem begegnet bei seiner Reise in die rheinische Vergangenheit auch Jupp. Das muntere Weideschwein ist der tierische Star des Rheinischen Freilichtmuseums. Sogar als Klingelton gibt es sein Grunzen schon. Borstenvieh und Bauernhöfe, Landwirtschaft und Lebenswelten von einst: Das vor 50 Jahren gegründete Museum fasziniert durch seine Vielfalt. Die NGZ sprach mit Dr. Josef Mangold, Leiter des LVR-Freilichtmuseums Kommern/Rheinisches Landesmuseum für Volkskunde, wie die Einrichtung seit kurzem offiziell heißt.

Herr Dr. Mangold, was war eigentlich der Anlass, das Freilichtmuseum zu gründen?

Info
Z U R     P E R S O N

Name: Dr. Josef Mangold
Geboren: 20. April 1956
Beruf: Museumsleiter im LVR-Freilichtmuseum Kommern
Wohnort: Bonn
Familie: verheiratet, zwei Töchter
Hobbys: „Frickeln“, „Handwerkern“

Dr. Josef Mangold In der Nachkriegszeit gab es sehr viele heruntergekommene oder halb zerstörte Gebäude, die man vor Ort einfach nicht erhalten konnte oder wollte. Auch die Nutzung der Gebäude hatte sich sehr stark verändert; vieles wurde neu- und umgebaut. Die Strukturen der alten Bauten, die Aufteilungen der Räume waren für die neuen Erfordernisse einfach nicht mehr passend. Es gab genug Häuser, die einfach nur noch dastanden und nicht mehr genutzt wurden, vor allem auf dem Land. Das, was sich seit Jahrhunderten entwickelt hatte, drohte verloren zu gehen, deshalb wollte man diese ländlichen Baudenkmale - meist Fachwerkhäuser - erhalten.

Dr. Josef Mangold hat Volkskunde in Bonn studiert. Foto: NGZ

Wie wurde dieses „Rettungsprojekt“ in Kommern umgesetzt?

Mangold Nach einer Idee, die aus Skandinavien kam, wollte man ein zentrales Freilichtmuseum errichten. Es gab Vorbilder in Schweden aus den 20er/30er Jahren, die das rein Konstruktive der Häuser in den Vordergrund gerückt hatten: Die Gebäude wurden in parkähnlichen Landschaften nebeneinander aufgestellt, in „Häuserzoos“, wie man heute etwas bösartig dazu sagt. In Kommern hingegen wollte man die Bauten bereits regionaltypisch und dorfähnlich zusammenfassen. Das war damals absolut innovativ. Das hat dann dazu geführt, dass vier Baugruppen errichtet wurden: für die Eifel, für den Westerwald, für das Bergische Land und für den Niederrhein.

Bäuerliche Lebenswelten von einst: Kochen am offenen Herdfeuer. Foto: NGZ

Warum wurde das Museum denn ausgerechnet hier in Kommern, am Rand der Nordeifel, errichtet?

Mangold Seit Mitte der 50er Jahre gab es verschiedene Initiativen, ein rheinisches Landesmuseum für Volkskunde mit historischen Gebäuden zu gründen. Man hat dann intensiv nach einem Standort gesucht und einen Aufruf gestartet, auf den sich mehrere Orte und Städte gemeldet haben. Den Ausschlag für Kommern gab letztendlich, dass die Gemeinde einen ganzen Bergrücken, den Kahlenbusch, mit insgesamt 95 Hektar, kostenlos anbot und dazu auch noch, durchaus geschickt, eine gewisse Infrastruktur in Aussicht stellte: angefangen bei Wasser und Strom und einer Gaststätte, die errichtet werden sollte, bis hin zur Telefonleitung und einem Zaun. Das Rheinische Freilichtmuseum war zu dieser Zeit nach jenem in Cloppenburg das zweite Freilichtmuseum in Deutschland.

Jupp ist eines der seltenen Weideschweine, die in Kommern gezüchtet werden. Foto: NGZ

In welcher Hinsicht hat das Museum auch eine Vorreiterrolle übernommen?

Mangold Schon Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Dokumentation eines Gebäudes allein nicht ausreicht, sondern dass weiterführende Informationen dazugegeben werden müssen: Stelltafeln, Fotos und Berichte über die Region, aus der zum Beispiel das Haus stammt, über Familienstrukturen und so weiter. Das waren die so genannten Korff’schen Zellen, benannt nach dem ersten fest angestellten Museumspädagogen an einem Museum. Aus diesem Ansatz heraus sind auch schon sehr früh Filme entstanden, um einen Eindruck von der Arbeit der Menschen zu vermitteln. Das war damals sehr innovativ, und vieles, was hier entwickelt wurde, ist heute in der Museumsszene Standard.

Und wo setzen Sie heute Akzente?

Mangold Wir züchten zum Beispiel das Deutsche Weideschwein zurück, eine alte Haustierrasse. Darauf bin ich sehr stolz! Das macht sonst niemand und ist ein Alleinstellungsmerkmal unseres Museums. Dieses Deutsche Weideschwein gibt es nur noch bei uns. Wir versuchen, das Ganze auf eine größere Ebene zu heben und daraus eine Marke zu machen, weil Tiere im musealen Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen. Über Tiere kann man viel über das Leben und die Arbeit früher transportieren.

Ihr Museum widmet sich ja auch dem Rheinländer als solchem. Mit der Installation der Schau „Wir Rheinländer“ hat man einen spektakulären Coup landen können. Inwiefern ist diese Präsentation in ihrer Art auch typisch rheinisch?

Mangold (lacht) Wie soll man das beantworten! Was ist typisch rheinisch - quasi? Die Ausstellung soll die Entwicklung des Rheinlandes zwischen 1794 und 1950 zeigen; dabei geht es nicht um Herrschaftsgeschichte, sondern darum, wie sich politische Entscheidungen auf das Leben des kleinen Mannes ausgewirkt haben. Das ist ein immens schwieriges Unterfangen, weil wir ja auch sehr verkürzen müssen. Wir haben uns dafür entschieden, einzelne Szenen darzustellen, die schlaglichtartig diese Besonderheiten beleuchten sollen. Das Ganze wird gewürzt durch die Figuren, die mit ihren Köpfen real existierenden Personen, echten Rheinländern, nachempfunden sind. Das hat mein Vorgänger Dieter Pesch als Marketinginstrument genial eingesetzt. Er machte einen Aufruf: „Wer denkt, dass er ein typischer Rheinländer ist, der soll sich bei uns melden.“ Und Sie glauben kaum, wie viele Leute sich gemeldet haben!

Welche Botschaft geben Sie den Besuchern des Freilichtmuseums mit auf den Heimweg?

Mangold Dass es früher nicht besser oder schlechter, sondern anders war. Wir wollen ein Gefühl für eine andere Zeit, für andere Lebensumstände vermitteln. Das zeigt sich an Gebäuden, Einrichtungen, Werkstätten, Arbeitsabläufen, Koch- und Heizmöglichkeiten. Wenn das hängen bleibt, wenn dafür ein Gespür vermittelt wird, denke ich, dann haben wir gewonnen.

Nimmt das Publikum dieses Konzept denn auch an?

Mangold Wir haben in den vergangenen Jahren konstant um die 200 000 bis 220 000 Besucherinnen und Besucher. Das ist eine gute, eine hohe Zahl für ein regionales Museum. Das liegt an den vielen schönen Gebäuden, an dem tollen Gelände und auch an den vielen Tieren. Es gibt etliche „Mehrfachtäter“, die mir oder meinen Mitarbeitern auch schreiben, sehr aufmerksam beobachten und Veränderungen wahrnehmen und kommentieren. Hinzu kommt die große Gruppe der Schüler und Jugendlichen. Darüber hinaus haben wir eine Reihe von Besuchern, die einfach nur spazieren gehen wollen oder gar nicht im Rheinland zuhause sind und einfach mal schauen wollen, was denn der Rheinländer im Museum so macht. Und nicht zuletzt: Auch die Großveranstaltungen, von denen wir im Jahr vier bis fünf machen, ziehen viele nach Kommern.

Also auch der Westfale verirrt sich ab und zu auf den Kahlenbusch?

Mangold Klar, wir haben den Anspruch, ein Museum zu sein, das über das Rheinland hinauswirkt. Wir sind das zweitälteste und zweitgrößte Museum in Deutschland und haben in unserer Präsentation auch allgemeine volkskundliche Dinge im Blick, wollen die unterschiedlichsten Zielgruppen ansprechen. Eine große Rolle spielt für uns der Euregio-Bereich, was sich derzeit in einer Kooperation mit dem Limburgs Museum in Venlo zeigt, mit dem wir eine Verbundausstellung machen, die Ausstellung „… und raus bist Du“ über Hexen, Ausgrenzung, Mobbing. Im nächsten Jahr folgt eine Ausstellung mit der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien. Aber natürlich ist das Freilichtmuseum auch ein Museum von Rheinländern für Rheinländer, wo auch der Westfale und der Bayer viel Interessantes findet.

Wie binden Sie junge Besucher in das Konzept des Museums ein?

Mangold Wir haben ein sehr umfangreiches museumspädagogisches Programm und sehr viele Projekte für die unterschiedlichen Altersstufen. Wir wollen niemanden hier „durchschleusen“, die Kinder und Jugendlichen sollen etwas mitnehmen und möglichst einmal wiederkommen. So treten wir an die Schulen direkt heran und halten engen Kontakt, um den Besuch vor- und nachzubereiten. Dafür haben wir auch Schulpartnerschaften geschlossen. Das Freilichtmuseum Kommern ist anerkannter außerschulischer Lernort. Wir wollen zeigen, dass man bei uns etwas Besonderes erleben und vieles lernen kann. Wir haben hier auch ein Gebäude, wo Schüler einige Zeit wohnen können, um kleinere Projekte zu machen oder am ganz normalen Leben der Museumsmitarbeiter teilnehmen zu können: Sie arbeiten mit in der Landwirtschaft, in der Hauswirtschaft, backen ihr eigenes Brot, versorgen die Tiere, gehen mit in den Wald. Das ist ein geniales Erlebnis.

Ist so ein Museum im Rheinland notwendiger als anderswo?

Mangold Das Interesse der Menschen an Bräuchen und dem ländlichen Alltag ist im Süddeutschen etwas stärker ausgeprägt als hier. Die Besonderheiten auf dem Lande sind dort noch präsenter. Das Rheinland hat sich durch die Industrialisierung schneller und anders entwickelt. Auch die ländliche Baukultur hatte im Süddeutschen einen anderen Stellenwert - was sich an der Qualität der Häuser ablesen lässt. Hinzu kommen weitere Faktoren bis hin zur Sprache. Aber ein Freilichtmuseum ist immer wichtig, auch um regionale Besonderheiten, regionale Identität herauszustellen.

Was ist in den kommenden Jahren noch zu erwarten?

Mangold Eine ganze Menge! Wir haben viel vor. Dazu gehört eine neue Baugruppe. Bisher fokussieren wir uns auf das bäuerliche Leben im Rheinland; das soll auch so bleiben und ausgebaut werden. Aber wir wollen künftig auch das kleinstädtische Leben im ländlichen Raum zeigen: in einer neuen Baugruppe, die die Zeit 1945 bis 1980 repräsentieren soll. Früher haben sich Veränderungen in Jahrhunderten abgespielt, heute wandelt sich die Welt in Dekaden, in Zehnerschritten. Darauf müssen wir reagieren. Wir haben bereits einige Wohnungseinrichtungen übernehmen können, darüber hinaus auch einen kompletten Friseurladen, einen Damen- und Herrensalon aus Viersen. Das erste Gebäude, das wir für unsere Nachkriegspräsentation nach Kommern versetzen werden, ist eine Gaststätte aus der Nähe von Düren. Weil es sich um einen Steinbau handelt, stellt das für uns eine ganz neue Herausforderung dar. Aber vielleicht darf ich noch einen Wunsch äußern: Für diese neue Baugruppe suchen wir noch einige weitere Gebäude und Einrichtungen, wie ein kleines Kino, eine Tankstelle oder auch einen kleinen „Tante-Emma-Laden“. Wer uns hier helfen möchte, kann sich an uns wenden!


 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

AUS DER NACHBARSCHAFT
MEHR

Rhein-Kreis Neuss

Die SPD und die Wahl vor der Wahl

Demokratie ist gut, macht aber Arbeit. Den Sozialdemokraten im Bundestagswahlkreis 109 - Neuss, Grevenbroich, Dormagen, Rommerskirchen - wird das in diesen Tagen besonders bewusst: Drei Bewerber stellen sich einem ebenso basisdemokratischen wie ... VON Frank Kirschstein  mehr

 

Rhein-Kreis Neuss

Ministerium will Rheinwerk retten

Der Hilferuf der Aluminiumhütte Rheinwerk, der wegen hoher Stromkosten und drastisch gesunkener Alumiumpreise das Aus droht, geht nicht nur bundesweit durch die Medien, er findet sein Echo auch im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. mehr

 
 
 

NGZ fragt im Rhein-Kreis nach

Attraktive Abwrackprämie

 

Lokale Wirtschaft

Wo den Kreis die Krise trifft

 
BILDER AUS DEM RHEIN-KREIS
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis mehr 
 
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
Freibäder und Badeseen im Rhein-Kreis
mehr 
„Magic Monte Carlo“ in Roncallis Apollo Varieté
„Magic Monte Carlo“ in Roncallis Apollo Varieté
„Magic Monte Carlo“ ist die neue Show in ..
mehr 
Das sagen die Bürger im Rhein-Kreis zur NRW-Wahl 2012
Das sagen die Bürger im Rhein-Kreis zur NRW-Wahl 2012
Das sagen die Bürger im Rhein-Kreis zur NRW-Wahl 2012
mehr 
Der Wahlabend in Dormagen und Rommerskirchen
Der Wahlabend in Dormagen und Rommerskirchen
Der Wahlabend in Dormagen und Rommerskirchen. NRW-Wahl 2012
mehr 
 
Familienanzeigen