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Feuilleton: Spott bis zur Schmerzgrenze

VON WILM KÖSTERS - zuletzt aktualisiert: 13.10.2006 - 21:30

Neuss Die Axt ist sein Maskottchen: Wilfried Schmickler ziert sich gerne mit dem Accessoire auf Fotos, Postern und Programmen. Hört man ihn hetzen und ätzen, weiß man auch warum. Es ist ziemlich egal, welchem Thema er sich annimmt.

Es fallen Köpfe, und es tränen die Augen - zum Glück vor Lachen. Klassisch polit-kabarettistisch eröffnete Schmickler sein Gastspiel im Rheinischen Landestheater mit einer Tirade über die aktuelle Regierungskoalition, der er natürlich völlige Handlungsunfähigkeit vorwirft. „Der eine hat die letzte Wahl verloren, der andere sogar den Verstand - und zwar völlig“.

Mit derartigen Pointen, in virtuosem Staccato in den Saal geschleudert, gewann der Hochleistungsrhetoriker sein Publikum binnen Minuten. Anfangs reagierte mancher noch zögerlich, vergewisserte sich noch, ob der Nachbar auch lacht, aber fielen alle Hemmungen. Jeder Promi Deutschlands bekam unter großem Gelächter sein Fett weg.

Schmickler schafft den Spagat zwischen auflockernden Kalauern, über die man unbedarft schmunzeln kann, und derben, übersteigerten Kommentaren zu Religion, Politik und Sozialstaat (den Schmickler schon längst auf der Müllhalde der Geschichte sieht). Überhaupt ist Schmickler besessen vom Dämon der Übertreibung.

Sanft, fast einschmeichelnd beginnt er, sachliche Zusammenhänge darzustellen, um diese dann allmählich zu pervertieren, ins Groteske aufzublasen und bösartig zu verspotten. Ist dann die Schmerzgrenze erreicht, tritt er ein paar Schritte näher an die Rampe und entschuldigt sich weinerlich, er könne ja auch nichts dafür, so sei die Welt nun mal.

Da, wo viele Spaßmacher ins Seichte abgleiten, traut sich Schmickler doch immer den Schritt in die Konfrontation. Politisch gut informiert und zu nah an der Wahrheit, um lächelnd abgetan werden zu können. Und das mit enormer Kondition. Wer ihn und seine cholerischen Auftritte in den Mitternachtsspitzen kennt, fragt sich wohl schon, wie er diese durchhält.

Im RLT hat er Energie für gut zwei Stunden. Zwar hetzt er nicht kamerawirksam durch die Gegend, aber Tempo und Pointenfrequenz sind auf ähnlichem Niveau. Man muss sich schon konzentrieren, um den verbalen Haken zu folgen, die Schmickler schlägt. Und mit dem Lachen kommt man kaum hinterher.

Zum Schluss noch ein Liedchen über die Legitimation der Folter („ein bisschen Folter ist doch gar nicht so verkehrt“) und der Hinweis darauf, dass man sich das Spielchen „Sie klatschen, ich komm’ raus und keiner weiß, wann Ende ist“ doch sparen sollte. Tosender Beifall für einen kurzweiligen, erfrischenden Kabarettabend.

Quelle: NGZ

 
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