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VON HELGA BITTNER - zuletzt aktualisiert: 18.08.2006 - 21:30

Neuss Einem Einschlag in ihr Leben kam die Begegnung mit einem literarischen Jahrhundertwerk gleich. Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hatte die in Neuss aufgewachsene Künstlerin Ulrike Termeer dermaßen beeindruckt, dass sie ihre früheren Arbeiten zerstörte und fortan alles Zeichnen dem Proustschen Roman widmete.

Info

Künstlerin kommt

Die Ausstellung „Chiffren der Erinnerung“ wird Sonntag um 11.30 Uhr eröffnet. Ulrike Termeer, die 1949 in Büderich geboren wurde, in Neuss aufwuchs und ab 1969 auch für weitere zehn Jahre in der Quirinusstadt lebte, heute aber in Kassel wohnt, wird anwesend sein.

Den musikalischen Teil der Vernissage bestreitet der Neusser Pianist Markus Dominici.

1984 hat dieser Einschlag stattgefunden, zu einer Zeit, als die damals 35-Jährige wegen einer Verletzung der Wirbelsäule lange Zeit das Bett hüten musste, an ein Arbeiten an der Staffelei nicht zu denken war und und ein guter Freund ihr das siebenbändige Werk von Proust empfahl.

Drei Jahre später war aus der Beziehung zu Prousts Buch ein Konvolut von Papierarbeiten entstanden, das Dr. Gisela Götte, heute Chefin des Clemens-Sels-Museum, zusammen mit einem Malerbuch der Künstlerin im Haus am Obertor ausstellte.

Diesem Umstand ist es wohl zu verdanken, dass die Termeer sich wenig später entschied, dem Neusser Museum Arbeiten zu schenken - wobei Götte sich diese auch noch aussuchen durfte und die bereits gezeigten Arbeiten wählte.

Als „Chiffren der Erinnerung“ wurden sie nun - nach fast 20 Jahren - aus dem Depot hervorgeholt und sind im zweiten Stock des Hauses in einer ungewöhnlichen, von der neuen Kunsthistorikerin Dr. Uta Husmeier-Schirlitz konzipierten Ausstellung zu sehen.

An der Wand hängt das nackte Papier. Bütten zwar, aber ohne Rahmen und oft auch mit Reiszwecken befestigt, „aber nur bei den Exponaten, die an diesen Stellen die Löcher schon hatten“, wie Götte versichert.

„Gegenwartskunst lässt sich am besten ohne Rahmen präsentieren“ und „das Glas eines Rahmens würde die Sicht auf die Papierarbeit sehr einschränken“ sind die beiden künstlerischen Gründe, warum die Arbeiten ungeschützt gezeigt werden. Markierungen auf dem Boden sollen den Betrachter dennoch auf Abstand halten.

Der Zugang zu den Arbeiten selbst ist nicht leicht. Am einfachsten ist er noch bei den Zeichnungen, die als Grundlage ein Bildnis haben, auf das Proust in seinem Romanwerk Bezug nimmt. Termeer hat aus einem Katalog die Fotos herausgenommen, sie auf Büttenpapier befestigt und dann mit Collagetechnik und dem „Blick von heute einen neuen Fokus geschaffen“, wie Husmeier-Schirlitz es formuliert.

Die Künstlerin verändert das Zentrum des Gemäldes. Zeichnet Achsen ein, die zum Beispiel bei einem Gemälde von Jean-Leon Gerôme die Sicht auf die Skulptur eines nackten Jünglings richten und von den beiden, die Skulptur betrachtende Damen wegholen. Termeer verknüpft damit Vergangenheit und Gegenwart.

Für diese Arbeiten muss man Proust nicht kennen, um sich in ihnen vertiefen zu können; andere lassen den Betrachter hingegen etwas ratlos zurück. Tapetengroße Bahnen etwa tragen Schriftzeichen, die wohl nur die Künstlerin selbst auf das Proust-Werk zurückführen kann.

Quelle: NGZ


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