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Feuilleton: „Was für ein Zirkus“

VON MARKUS FRÄDRICH - zuletzt aktualisiert: 18.08.2006 - 21:15

Neuss Der Veranstalter geizt nicht gerade mit Superlativen. Als Geschichte der „größten Ikone des 20. Jahrhunderts“ verkörpert von „Deutschlands weiblichem Musicalstar Nr. 1“ bewirbt „Star Entertainment“ seine emsig durch die Lande reisende Produktion von „Evita“.

 Foto: Lothar Berns
Foto: Lothar Berns

Neuss war für das Ensemble die dritte Tourneestation in dieser Woche: Am Donnerstagabend gab sich Eva Perón auf dem Münsterplatz unter freiem Himmel die Ehre.

Vielleicht hat „Santa Evita“ im Himmel persönlich dafür gesorgt, dass die Musicalbesucher ihren mitgebrachten Schirmen getrost frei geben konnten. Der Abend entpuppte sich als trocken und warm. Viele kamen deshalb schon weit vor Vorstellungsbeginn, gönnten sich zu Tangoklängen vom Band ein Glas Weißwein und blätterten im völlig überteuerten Programmheft.

Und fieberten „Deutschlands weiblichem Musicalstar Nr. 1“ entgegen. Wenige Minuten nach Beginn der Rock-Oper von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice trat Anna Maria Kaufmann dann schließlich in Erscheinung.

Ihr erster Einsatz genügte, um zu erkennen: Die stimmliche Disposition der deutsch-kanadischen Sopranistin passt hinten und vorne nicht zu den Klangwelten dieses Musicals. So sehr sie mit ihrer klassisch geschulten Stimme einst als Christine im „Phantom der Oper“ zu überzeugen wusste, so wenig passt ihr Timbre zum Part der Provinzschönheit Eva Duarte, die sich zur argentinischen First Lady „hochschläft“.

Info

Argentinien nach Evita

Evitas Mann Juan Péron wurde im Oktober 1973 zum zweiten Mal als Präsident von Argentinien gewählt. Allerdings bekam seine Regierung durch die Spaltung von links- und rechtsgerichten Anhängern arge Probleme.

Es kam zu einer Welle von Gewaltakten und Terroranschlägen. Perón starb jedoch schon wenige Monate nach seiner Wahl am 1. Juli 1974. Seiner dritten Ehefrau Isabel gelang, was wohl auch Evita schon wollte.

Sie, die schon Vizepräsidentin war, wurde seine Nachfolgerin und damit die erste Staatspräsidentin Südamerikas. 1976 wurde ihre Regierung erneut durch einen Militärputsch beendet.

So fit sie sich auch von ihrer schauspielerischen Seite zeigte: In Kombination mit ihrem starken Akzent blieb „Buenos Aires“ genauso unverständlich und schrill wie ihre Radioansprache. Wie wohltuend deutlich gelang dagegen doch das „Wohin soll ich jetzt geh’n?“ der Geliebten Peróns (Sanna Nyman), die von Evita stracks vor die Tür gesetzt wird.

Den stärksten Auftritt des Abends lieferte eindeutig Ole Solomon Junge ab, als Evitas Gegenspieler und sarkastischer Kommentator Che. Rockig sein „Was für ein Zirkus“, zärtlich-süffisant sein „Jung, schön und geliebt“. In puncto Bühnenpräsenz lief der Junge Anna Maria Kaufmann eindeutig den Rang ab und gab den jungen Revoluzzer mit Leidenschaft, Biss und durchschlagendem Falsett.

Anhaltender Applaus

Blass dagegen blieben Wolfgang Höltzel als drittklassiger Nachtclubsänger Magaldi und Gerd Wiemer als aufstrebender Offizier Juan Perón. Das übrige Ensemble agierte routiniert als Trauergemeinde, Offizierscorps oder High Society und hielt das Geschehen im tourneetauglichen Bühnenbild mit einigen hübschen Tanzeinlagen im stetigen Fluss.

Für letzteren sorgte auch Jörg Iwer am Dirigentenpult, der die für Open-Air-Verhältnisse gar nicht mal so schlecht klingende Band durch die Partitur jagte. Als Musikalischer Leiter hätte er mit dem ein oder anderen der Sänger durchaus noch etwas an den vertrackten Rezitativen feilen können. Oder am Refrain von „Adios und Danke“, in dem Evita und Che am Donnerstag ein paar sehr fragwürdige Dinge sangen.

Auch wenn der Titel „Spendengelder fließen“ etwas sperriger klingt als „Rolling, rolling, rolling“, war es doch eine gute Entscheidung, das Musical in der soliden deutschen Fassung von Michael Kunze zu spielen. Schade bloß, dass einzig „Don’t Cry for Me, Argentina“ dann doch wieder im englischen Original erklang und dadurch wie ein Fremdkörper wirkte.

Aber mal ehrlich: Anna Maria Kaufmann hätte den großen Hit des Musicals auch auf Kisuaheli singen können: Der anhaltende Applaus wäre trotzdem nicht ausgeblieben.

Quelle: NGZ


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