Seltsame Zuschauer beim Staatsakt in Bonn. Der SPD-Politiker Carlo Schmid hat die bizarre Szene beschrieben: Die Festgesellschaft war „umgeben von ausgestopftem Getier aus aller Welt. Unter den Bären, Schimpansen, Gorillas und anderen Exemplaren exotischer Tierwelt kamen wir uns ein wenig verloren vor.“ Doch die seltsame Kulisse tat der Bedeutung dieser Feier im Ausstellungssaal des Bonner Zoologischen Museums Alexander Koenig keinen Abbruch. Auf die 65 Mitglieder des „Parlamentarischen Rates“ (darunter vier Frauen) wartete eine eminent wichtige Aufgabe: Sie sollten das Grundgesetz, also die Verfassung für die noch zu schaffende Bundesrepublik, ausarbeiten.
Um elf Uhr begann an jenem 1. September 1948 der Festakt mit Beethoven-Musik im Museum Koenig. Der CDU-Politiker Karl Arnold, Ministerpräsident des gastgebenden Landes Nordrhein-Westfalen, hielt die Eröffnungsansprache. Eindringlich mahnte er die „Verfassungsväter“, bei jedem Wort, „das Sie in das Grundgesetz schreiben“, darauf zu achten, „ob es einer sachlichen Kritik aus gesamtdeutscher Schau standhalten kann.“ An eine gesamtdeutsche Lösung war 1948 allerdings wegen des wachsenden Ost-West-Konflikts überhaupt nicht mehr zu denken. Statt dessen sollte es nach dem Willen der Besatzungsmächte zur Bildung eines westdeutschen Staates kommen.
Blick zurück: Die Briten hatten 1945 nach dem Ende der Hitler-Diktatur in ihrer Besatzungszone Schritt für Schritt den Demokratisierungsprozess eingeleitet und Parteien, Gewerkschaften sowie Zeitungen zugelassen. 1946 verfügten sie die Zusammenlegung des nördlichen Teils der alten Rheinprovinz mit Westfalen zum neuen „Bindestrichland“ Nordrhein-Westfalen. Zur Hauptstadt bestimmten sie Düsseldorf.
Die Raumnot war damals groß. Überall im Rheinland wurden „Nissenhütten“ mit ihren halbrunden Wellblechdächern errichtet, in denen obdachlose Menschen lebten. Mangels geeigneter Gebäude musste der nordrhein-westfälische Landtag nach der feierlichen Eröffnung im Düsseldorfer Opernhaus fortan im Theatersaal der Henkel-Werke zusammenkommen. Gerhard Eyckers, ein Düsseldorfer Zeitzeuge, berichtet: „Dieser Saal diente zu gleicher Zeit den städtischen Bühnen als Operetten- und Schauspielbühne und den in den Henkelwerken stationierten Truppen der britischen Rheinarmee als Filmvorführsaal.“
In der Anfangszeit sei es häufig vorgekommen, dass der Einheitsführer der britischen Truppen eine Tagung unmöglich machte, weil seinen Soldaten ein Film gezeigt werden sollte. Eyckers: „In den Protokollen kann man heute noch nachlesen, dass die Sitzung abgeschlossen werden musste, obwohl die Tagesordnung nicht abgewickelt war.“ Erst 1949 konnte der Landtag in das wieder hergestellte ehemalige Ständehaus (heute Sammlung K 21) umziehen. 1988 bezog er ein ganz neues Gebäude.
1947 – zwei Jahre nach dem Krieg – war die Versorgungslage noch immer kritisch. In Nordrhein-Westfalen kam es mehrfach zu „Hunger-Demonstrationen“, so in Köln, Hagen und Wuppertal. In Düsseldorf wurde bei den Protesten gegen die knappe Lebensmittelzuteilung ein Auto von aufgebrachten Menschen umgestoßen. Die Not machte erfinderisch: In Arnsberg wurde aus Holz Leberwurst hergestellt. Die Menschen „besorgten“ sich Kohle von Güterwagen und Lebensmittel von den Feldern. „Fringsen“ hieß das – so benannt nach dem damaligen Kölner Kardinal Joseph Frings, der in einer Predigt für diese Art der Selbstversorgung gewisses Verständnis gezeigt hatte.
Aus der ersten Landtagswahl am 20. April 1947 ging die CDU als stärkste Partei hervor. Karl Arnold, der dem linken CDU-Flügel angehörte, wurde zum Regierungschef gewählt. Er und seine zehn Kollegen in den drei westlichen Besatzungszonen waren damals die höchsten deutschen Repräsentanten, denn einen Gesamtstaat gab es ja noch nicht.
Am 1. Juli 1948 wurden die Länderchefs von den drei Westmächten beauftragt, Vorbereitungen zur Gründung eines westdeutschen Staates zu treffen. Ministerpräsident Karl Arnold gehörte zu denen, die besonders nachdrücklich davor warnten, eine gesamtdeutsche Lösung zu verbauen. Deswegen sollte die Bezeichnung „Verfassung“ vermieden werden. Statt dessen einigte man sich auf „Grundgesetz“, das von einem „Parlamentarischen Rat“ ausgearbeitet werden sollte – und nicht etwa von einer „Verfassunggebenden Versammlung.“
Als Tagungsort für den Parlamentarischen Rat waren damals Celle, Frankfurt/Main, Karlsruhe, Düsseldorf, Kassel und Stuttgart im Gespräch. Karl Arnold setzte sich für Bonn ein. Die Stadt biete wegen ihrer „unzerstörten Umgebung noch günstigere Möglichkeiten als Köln und Düsseldorf“. Mit acht gegen drei Länderstimmen fiel die Wahl auf Bonn. Adenauer, der Vorsitzender des Parlamentarischen Rates wurde, hatte dagegen zunächst Bad Ems oder Koblenz vorgeschlagen. Doch die Bonner Lösung kam ihm gut gelegen, wohnte er doch „gleich um die Ecke“ in Rhöndorf.
Das war eine Vorentscheidung über die Hauptstadt. Während Frankfurt seine Bewerbung schrieb, wurden in Bonn Tatsachen geschaffen. Die Pädagogische Akademie am Rheinufer, in der der Rat zu seinen Sitzungen zusammenkam, wurde in Windeseile ausgebaut. Das Hämmern und Klopfen am Bau des Plenarsaals war für Adenauer, wie sein Biograf Hans-Peter Schwarz schreibt, „dat schönste Jeräusch“.
Jetzt war er es, der Druck machte, Bonn als Bundeshauptstadt durchzusetzen. Er schwor seine Mannschaft darauf ein, während SPD-Chef Kurt Schumacher für Frankfurt eintrat. Ohne Erfolg. Im Mai 1949 trug Bonn mit 33 zu 29 Stimmen den Sieg davon und wurde „vorläufige Bundeshauptstadt“. Der Bundestag bestätigte am 3. November 1949 diese Entscheidung, die als Provisorium bis zur Wiedervereinigung gedacht war. Das Provisorium dauerte 50 Jahre: 1999 wurde Berlin wieder Hauptstadt Deutschlands.
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