Der Außenwert des Euro in der Krise, die Beschlüsse von Nizza vor allem eine Ausweitung der Fördertöpfe Richtung Osten - für Professor Dr. Paul J.J. Welfens (Foto) sind dies kritische Ansätze mit Blick auf ein erweitertes Europa. Der Wirtschaftswissenschaftler ist Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (EIIW) in Potsdam und lebt mit seiner Familie in Neuss.
"Ich war davon ausgegangen, dass der Wechsel in ein neues Jahrtausend in Deutschland und in Europa eine Aufbruchsstimmung erzeugt." Statt dessen sieht Professor Welfens (43) lediglich ein langsames Auflösen des Reformstaus in den großen europäischen Nationen Deutschland, Frankreich, Italien. "Kleinere, flexiblere Länder wie Holland, Irland oder Finnland haben den Großen den Rang abgelaufen zum Beispiel in der Beschäftigungspolitik." Bei den Innovationen, ablesbar an den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, ist Deutschland längst auf einen abgeschlagenen Platz zurückgefallen.
In der Bildungspolitik wird in Deutschland über die Kostenverteilungen gestritten, und das Land verliert international weiter an Boden. In Irland und Finnland arbeitet jeder Schüler mit einem PC - in Deutschland Wunschdenken: "Man muss fragen, ob in Deutschland die richtigen Prioritäten gesetzt werden." Kritische Anmerkungen eines Wissenschaftlers, der sich von Berufs wegen um einen Überblick bemüht: "Ziel des Europäischen Institutes für Internationale Wirtschaftsbeziehungen ist es, die europäische Entwicklung nicht nur aus dem nationalen Blickwinkel, sondern von der europäischen Warte aus zu betrachten."
Ein schwieriges Unterfangen, da es gilt, unterschiedliche Strukturen der einzelnen Mitglieder nach einheitlichen Kriterien zu bewerten. Gleichzeitig arbeitet Welfens eng mit der Johns-Hopkins-University in Washington zusammen, um den kontinentalen Vergleich zu ermöglichen, den europäischen Blickwinkel zu relativieren, ihn zu erweitern. Nach seiner Habilitation an der Mercator-Universität Duisburg 1990 arbeitete Welfens zunächst für ein Jahr an dem renommierten amerikanischen Institut im Rahmen eines Forschungsauftrages. Anschließend nahm er eine Professur in an der Universität in Münster an, bevor er 1994/95 die Chance erhielt, in Potsdam das Institut für Internationale Wirtschaftsbeziehungen in Potsdam zu gründen und zu führen.
In USA genießt die Arbeit von Welfens einen so hervorragenden Ruf, dass er zu einem Hearing des US-Senats über Ost-Europa eingeladen wurde, eine höchst seltene Auszeichnung für Europäer. Welfens, Ehefrau Jola, promovierte Wissenschaftlerin in Sachen Naturschutz am Wuppertal-Institut und Tochter Natalie (11) sind Neusser aus Überzeugung: "Nach der Rückkehr aus USA 1991 wollten wir uns in Düsseldorf niederlassen, doch dann sind wir dorthin gegangen, wo wir oft zum Einkaufen hingefahren sind und uns wohl fühlen, in der Überschaubarkeit von Neuss." Die Stadt war Welfens nicht fremd: Seine Mutter stammt aus Bedburdyck.
Aufgewachsen ist Welfens in Düren, Paris und in der Schweiz; in Rheinfelden an der deutsch-schweizerischen Grenze hat er sein Abitur gemacht. Das Wirtschaftsstudium absolvierte er in Wuppertal, Duisburg, in Paris und in Berkley/Kalifornien/USA. Gerade aus der interkontinentalen Sicht gewinnt Welfens einen neuen Blickwinkel. Den Euro sieht Welfens zur nächsten Jahresmitte wieder stärker, vorausgesetzt, die Bemühungen um ein Auflösen des Reformstaus in den wichtigen europäischen Ländern geht weiter, und die US-Wirtschaft verliert weiter an Fahrt.
Dennoch bleibt er im Kontinentalvergleich skeptisch: "Man muss doch fragen, warum in Deutschland 3,5 Prozent Wachstum als das Optimum angesehen wird." Differenziert sieht Welfens die Ergebnisse des EU-Gipfels vom Wochenende in Nizza: "Zum einen wurde ein großes Reformwerk auf den Weg gebracht, zum anderen haben die Verhandlungen gezeigt, dass die Gemeinschaft sich bereits heute an einer kritischen Grenze bewegt." Negativ merkt er an, dass in der Budget-Politik keine Schwerpunkte gesetzt wurden.
Die Folge: 80 Prozent der EU-Gelder werden in Subventionen in die Landwirtschaft und neue Strukturhilfen fließen. "Das ist nicht zukunftsweisend und wird nur zu einer großen Umverteilung führen." Darüber hinaus gibt es keine wirkliche Aufgabenkritik der Kommission: "Muss sich die EU wirklich mit der Frage nach der Form von Bananen befassen?" Schließlich wurde in Nizza die Frage übergangen, was bei der Ost-Erweiterung mit dem Euro geschehen werde? Wird damit die Startphase von Euro und Ost-Erweiterung belastet? Wird Großbritannien mit dem mächtigen Finanzplatz London dann noch Euroland werden wollen?
"Eine geordnete Reformdiskussion in Europa sehe ich nicht", beklagt Welfens. Diese könnte zum Beispiel durch ein verstärktes Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft begonnen werden. Doch Welfens sieht auch Versäumnisse der eigenen Zunft: "Zu viele Wissenschaftler verharren im Elfenbeinturm." Er selbst bemüht sich darum, in Gutachten, Diskussionen und Beiträgen in internationalen Wirtschafts- und Politik-Magazinen die Debatte anzuregen, aber auch über das Internet mit einer prämiierten Web-Site (www.euroeiiw.de) Überzeugungsarbeit für eine neue Aufbruchsstimmung zu leisten.
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