Neuss Es hat sich nichts geändert. All die Jahrhunderte, die ins Land gegangen sind - und nichts hat sich geändert. Pfusch am Bau zum Bespiel: hat es schon bei den Römern gegeben. Schmähungen eines Nachbarn: hat es schon bei den Römern gegeben. Werbeträger für die beste Weinschenke: hat es schon bei den Römern gegeben.
Karikaturen von schwätzenden Politikern: hat es schon bei den Römern gegeben. Ein Maggi-ähnliches Allesgewürz: hat es schon bei den Römern gegeben. Markenbewusstsein: hat es schon bei den Römern gegeben.
„Alles geritzt und gestempelt“ möchte man mit dem Titel einer Ausstellung sagen, die im Clemens-Sels-Museum einen ebenso interessanten wie amüsanten Einblick in die Schriftkultur der Römer vermittelt und dabei manche überraschenden „Botschaften aus der Antike“ ins Heute spült.
Zu allen Zeiten haben die Menschen mit Zeichen deutlich gemacht, was ihnen wichtig war: Den Soldatenhelm zieren gleich drei Namen, denn Helme waren teuer, wurden als „Second-Hand“-Ware gerne weiter verkauft. Händler machen mit einem Graffito auf Wanderverputz auf den nächsten Markttermin aufmerksam. Amanda, vermutlich das Freudenmädchen eines Lagers, ritzte ihren Namen in den Krug, damit er nicht Beine bekam.
Mit Hilfe von Schülern
Gemeinsam mit dem Nelly-Sachs-Gymnasium, Quirinus-Gymnasium und Marienberg-Gymnasium wurde eine „Schreibstube“ konzipiert, in der junge Besucher ihre Botschaften in Wachstäfelchen ritzen und in einer Wandzeitung alles über die verschiedenen Schriften der Völker erfahren. Ein Buch beleuchtet Ovids „Ars amatoria“ auf eindrucksvolle Weise
All das und rund 200 Beispiele mehr geben Aufschluss über den Alltag von Männer und Frauen, die teilweise seit fast 2000 Jahren tot sind. „Die große Geschichte“, sagt der Archäologe Dr. Carl Pause, der die Ausstellung mit Exponaten aus 40 Museen nach ihren Stationen in Süddeutschland und der Schweiz nach Neuss geholt und mit regionalen Exponaten angereichert hat, „ist ständig Gegenstand der Literatur, aber von den 400 Jahren Militärlagerleben in Neuss zum Beispiel finden wir nur zwei magere Erwähnungen“.
So zeigt denn erst eine Inschrift auf einem unscheinbaren Marmorstück, dass beim Hausbau schon in antiker Zeit einiges schief gehen konnte. Warum sonst hat da jemand akribisch notiert, wo wie und was bei der Mauer zu verändern ist?
„Oreus und Monos sind Karer mehr noch als Laurentius“ muss jemand (der Vater?) geschrieben haben, der sich wohl über die Fuß und Pobacken-Abdrücke von Kleinkindern auf der vermutlich frisch gepressten Ziegel geärgert hat. Denn „die Karer waren damals, was die Ostfriesen heute bei uns sind“, sagt Dr. Carl Pause lachend. Ein anderer hat sich die Langweile beim Ziegelmachen vertrieben, indem er ein Pferd in ein Exemplar geritzt hat.
Ein dritter schmäht den Bäcker seines Ortes/Lagers, weil dieser trinkt; ein vierter wünscht einem Bräutigam die Unfruchtbarkeit auf den Hals, wollte wohl gerne die Hochzeit verhindern. Die Weinschenke wirbt auf essbaren Kuchenformen für sich, ein Bordell mit einem Phallussymbol; ein Scherzbold karikiert führende Köpfe seines Gemeinwesens; Tonwaren tragen die Zeichen ihrer Hersteller, und dass ein entsprechender Schriftzug verrät, dass der große Krug keinen Wein, sondern einen an der Sonne gegorenen Fischsud enthält - „das Maggi der Antike“, wie Carl Pause sagt - kann für die Menschen damals nur von Vorteil gewesen sein ...
InfoAm Obertor, Eröffnung Sonntag, 28. Mai, 11 Uhr, bis 20. Juli
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