Neuss Ein bisschen kann man sich die Szene vorstellen wie in einem Krimi: Ein Mann arbeitet im Vorgarten. Ein Auto nähert sich. Auf Höhe des Mannes wird es scharf abgebremst. Reifen quietschen. Der Fahrer springt aus dem Wagen. Läuft auf den Mann im Garten zu und ruft: „Die Figur muss ich haben!“
Kein Wunder, dass Harald Kuhn verwirrt war: „Wie bitte?“ habe er nur gesagt, erinnert er sich heute lachend - nachdem die Szene längst Bestandteil einer wundersamen Geschichte geworden ist, an deren Ende zwei Skulpturen wieder ihren angestammten Platz in Düsseldorf eingenommen haben.
Begonnen hat die Geschichte jedoch schon weit vorher. Vor fast 70 Jahren, als in Düsseldorf auf Betreiben der Kreisleitung der NSDAP eine Ausstellung mit Skulpturen geplant wurde, die das „Schaffende Volk“ mit seinen Volks- und Ständegruppen - natürlich so, wie die Nazis es sich vorstellten - symbolisieren sollten.
Dafür wurde gar ein Park angelegt, der den Skulpturen verschiedener Bildhauer den richtigen Rahmen gab. Zwölf von ihnen wurden als die „Ständischen“ bezeichnet, mit „Falkner“ oder „Fischer“ oder „Bauer“, zwei andere - die „Roßebändiger“ und die „Sitzende“ - wurden ein Stück weiter aufgestellt. Doch die „Ständischen“ standen nicht lange im Nordpark.
Hitler hatte gerade ein an der Klassik orientiertes Kunstideal verkündet, dem aber zum Beispiel die „Roßebändiger“ von Edwin Scharff gar nicht entsprachen. Als eine Abbildung der Arbeit in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt wurde, hatte das für Scharff die Entlassung aus der Kunstakademie und Arbeitsverbot zur Folge und für die gesamte Nordpark-Ausstellung den Abbau.
Wobei es wie ein Treppenwitz der Geschichte anmutet, dass die Scharff-Arbeit zu den Figuren gehörte, die nicht entfernt werden konnten: Sie war in der Masse zu kolossal ...
Während vier der „Ständischen“ 1941 wieder auf ihren Sockeln postiert wurden (weil sie den Wünschen der Ausstellungsleitung noch am ehesten entsprachen), die „Roßebändiger“ und die „Sitzende“ ohnehin an Ort und Stelle geblieben waren, verschwanden vier „Ständische“ auf Nimmerwiedersehen (zumindest bis heute), eine elfte - die „Schäferin“ - wurde später an einer Kindertagesstätte in Benrath aufgestellt, und die zwölfte - nämlich der „Fischer“ von Alexander Zschokke - gelangte nach Neuss.
Irgendwann in den 60er Jahren hatte nämlich der Neusser Steinmetz und Bildhauer Wolfgang Kuhn für seinen frisch gegründeten Betrieb den Auftrag bekommen, die Skulptur von einem Düsseldorfer Bauhof abzuholen und zu entsorgen. „Aber mein Vater konnte damals schon nichts zerstören, was er als künstlerische Arbeit erkannte“, erzählt Sohn Harald, der seit 23 Jahren mitarbeitet.
Und so wurde der „Fischer“ eben nicht entsorgt, sondern wanderte im Laufe der Jahre durch den Steinmetzbetrieb. „Stand mal hier und mal da“, sagt Harald Kuhn, und war just an jenem Tag, als ein Mitarbeiter des Düsseldorfer Gartenbauamtes das Grundstück der Kuhns passierte, von der Straße her gut zu sehen.
Vielleicht wäre dieser ja auch weitergefahren, wenn er nicht vorher von Amts wegen über die Rekonstruktion der Ausstellung im Nordpark nachgedacht hätte. Vier Skulpturen standen ohnehin noch, die Sockel der Verschwundenen waren nur mit Blumenschalen dekoriert, und der Aufenthaltsort einer fünften - der „Schäferin“ - war immerhin bekannt. Dass er in dieser Situation nicht am „Fischer“ vorbeifahren konnte, liegt auf der Hand, und tatsächlich ließ sich Wolfgang Kuhn auch zur Trennung von der Skulptur überreden.
In der vergangenen Woche nun wurde die zwei Tonnen schwere Steinarbeit per Kran wieder auf ihren Sockel im Nordpark gestellt, bekam zudem Gesellschaft von der „Schäferin“ aus Benrath und komplettiert damit das halbe Dutzend der „Ständischen“.
Für die Wieder-Aufstellung der beiden 2,20 Meter hohen Skulpturen war die Firma Kuhn zuständig, und deswegen weiß der Juniorchef auch, dass die Erzieherinnen der Benrather Kindertagesstätte ganz traurig über den Verlust ihrer „Schäferin“ sind, und hat ihnen als Ersatz eine Skulptur mit Putten und Früchtekorb angeboten. Auch ein bildhauerisches Werk, das Vater Wolfgang einst entsorgen sollte, aber nicht zerstören mochte ...
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