Rhein-Kreis Neuss: Das gelbe Meer der Energie
Rhein-Kreis Neuss (NGZ) rhein-kreis neuss Wo vor wenigen Wochen Tausende gelber Blüten im Takt des Windes mal nach links, mal nach rechts wogten, stehen nur noch graue Stoppeln im Matsch.
Bauer Heinz-Peter Flipsen (49), der sein Gut an den Tönishöfen bei Kaarst bewirtschaftet, hat seinen Raps bereits geerntet. Nun sitzt der freundliche Mann im karierten Hemd an seinem Wohnzimmertisch, lacht ansteckend und blickt zurück: „1992 habe ich zum ersten Mal Raps angebaut“, sagt Flipsen.
Damals - er hatte noch keine Erfahrung - hätten schon früh die Schnecken die Pflanzen gefressen. Flipsen schüttelt den Kopf. Das, so kann man diese Geste deuten, könnte ihm heute nicht mehr passieren.
Inzwischen baut der Kaarster Landwirt auf 15 Prozent seiner 80 Hektar Ackerfläche Raps an. Wie Flipsen haben auch andere Bauern im Rhein-Kreis auf den Kreuzblütler umgesattelt.
Kreuzblütengewächse sind eine sehr vielfältige Pflanzenfamilie von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Viel Wintergemüse gehören dazu: beispielsweise Weißkohl, Rotkohl, Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Pak Choi, Kohlrabi, Radieschen, Raps, Senf, Meerrettich und Kresse.
Peter Herzogenrath, Kreisverbandsdirektor der Kreisbauernschaft Neuss-Mönchengladbach, schwärmt: „Wenn sie mit offenen Augen durch den Rhein-Kreis fahren, werden Sie feststellen: Es gab noch nie so viele gelb blühende Felder.“ Wegen der Optik bauen die Landwirte den Raps sicher nicht an.
Die Gründe sind vielfältig: 1. die rot-grüne Regierung und damit einhergehend ein Bio-Boom; 2. anziehende Preise; 3. die Zuckermarktordnung der EU, in deren Rahmen die Mindestpreise für Rüben kontinuierlich gesenkt werden; 4. Das gelbe Gestrüpp hat einen positiven Effekt auf die Fruchtfolge: Wo in diesem Jahr Raps wächst, gedeiht im nächsten der Weizen prächtig.
Tobias Janßen, Chef der Beteiligungsgesellschaft Goldfish Holdings, die in kasachischen Raps investiert, ist sich sicher, dass es für die Pflanze einen Zukunftsmarkt gibt. Zu Biodiesel gebe es langfristig einfach keine Alternative, sagt er.
Viele Landwirte bauen zudem Raps auf Stilllegungsflächen an, weil sie dürfen. Voraussetzung: Die Pflanze wird zu Biodiesel verarbeitet und nicht zu Speiseöl.
„Wir müssen einen Vertrag bei Bestellung der Parzelle abgeschlossen haben“, erklärt Kreislandwirt Wolfgang Wappenschmidt. Ein regionales Plus ist für den Glehner Wappenschmidt die Nähe zu den Ölmühlen am Neusser Hafen.
Dort werden die schwarzen Körner aus der Region gerne abgenommen. Wilhelm Thywissen, der Geschäftsführer von C. Thywissen, sagt: „Wir sind froh über jeden Raps, den wir aus der Region beziehen können.“ Sonst müssten Mengen aus Bayern, Frankreich oder Dänemark eingeführt werden.
Ein Ende des Booms scheint nicht in Sicht. „Auch wenn im kommenden Jahr in der EU keine Flächen mehr stillgelegt werden müssen: Sowohl für Getreide wie auch für Raps werden die Preise auf einem relativ hohen Niveau bleiben“, glaubt Dr. Josef Renze-Westendorf von der Landwirtschaftskammer NRW.
Dennoch, sagt Kreislandwirt Wappenschmidt, seien die Kollegen im Zweifel. Denn der Getreidepreis ist zuletzt explodiert. Weizen scheint im Moment noch attraktiver zu sein. Goldfish-Chef Janßen sagt: „Der Weizen wird ebenfalls verheizt und zu Bioethanol verarbeitet, mit der Lebensmittelnachfrage hat das nichts zu tun.“
Was im nächsten Jahr zu einem gelben Rapsmeer werden wird, lagert bei Bauer Flipsen noch in einem Papiersack, abgestellt in einem schattigen Lagerraum.
Der Sack ist gefüllt mit 1,5 Millionen kleiner türkisblauer Körnchen, gebeiztes Saatgut, ein paar Kilo reichen für mehrere Hektar. Um die Nachfrage macht sich der Kaarster Landwirt Flipsen keine Sorgen. „Im Moment“, sagt er, „ist das Angebot knapp.“
Das Unternehmen, das das Saatgut verkauft, hat einen Namen für die Körner gewählt, der für eine strahlende Zukunft jedenfalls besser nicht passen könnte: „Baldur“ - so heißt der Gott der Sonne.



















