Wilfried Schmickler gastierte im Kultur-Café (NGZ). Nicht, dass er keine Verwendung fürs fein geschliffene Florett hätte - in der Regel langt Wilfried Schmickler jedoch lieber mit dem schweren Säbel zu. Fans der WDR-Mitternachtsspitzen wissen seine in stets atemlosem Tempo gesprochenen Kolumnen zu schätzen, in denen die "Revolverschnauze" - so des Kabarettisten Eigenwerbung - jede Zurückhaltung aufgibt und mit verbaler Brachialgewalt in die Pfanne haut, was - zumeist - auch hinein gehört.
Mit dem "3Gestirn Köln 1", das 2001 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde, gastierte er vor zehn Jahren schon einmal im Kultur-Café. Diesmal sorgte sein erstes Solo-Programm unter dem programmatischen Titel "Aufhören" für beste Unterhaltung im evangelischen Gemeindezentrum.
Wilfried Schmickler stellte dabei überzeugend unter Beweis, dass beim echten Choleriker die Luft allemal für weit mehr als fünfminütige Zornesausbrüche reicht. Anderthalb Stunden lang schoss er seine Breitseiten auf den politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist und seine mehr oder weniger prominenten Vertreter ab.
Auch die - vermeintlich - eigene Klientel wird nicht geschont, wenn die merkwürdigsten Allianzen zeigen, wie weit die vom Kabarettisten konstatierte allgemeine Verblödung schon fortgeschritten ist: Wenn nach einem Wort des Dichters Ernst Jandl "lechts und rinks velwechsert" werden, kann dies überaus groteske Formen annehmen.
Dass bei einer Kundgebung gegen den Irak-Krieg ein hoher NPD-Funktionär auftreten kann, wie vor einiger Zeit in Ostdeutschland geschehen, mag manchen Kenner nicht übermäßig verwundern, dass freilich als Veranstalter der Demo ein "Bündnis gegen Rechts" firmiert, eher schon. Auch den treudeutschen Bäckermeister hat Schmickler im Repertoire: "Amerikaner" führt der empörte Friedensfreund nicht mehr und hält das Hefeteilchen nunmehr als "Friedensfladen" für die Kundschaft bereit.
Schlichtweg brillant war Schmicklers "Lesung" einer im vergangenen Jahr im Internet gefundenen Stellungnahme eines Zeitgenossen, der sich freute, nun endlich wieder einmal den Mund auftun zu können: Erst durch Schmicklers Parodie werden die antisemitischen Äußerungen zur gebührenden Lachnummer. Allzu lange habe er seinerzeit nicht weiterlesen können, "denn ich hatte meine Tastatur vollgekotzt", so Schmickler.
Autobiografisches fehlte in seinem Panoptikum gleichfalls nicht: Zumindest in jüngerer Zeit waren dem in Köln lebenden, doch in Leverkusen geborenen Kabarettisten Hohn und Spott der ihn in Scharen umgebenden Geißbock-Anhänger sicher, wenn er sich als Fan von Bayer Leverkusen outet: "In Leverkusen hat man vor nichts und niemand Angst, außer vor Unterhaching."
Womit sein Lokalpatriotismus freilich endet, denn als "Leverkusener ist man heimatlos", wie Schmickler in seinem bissigen Porträt der "großen Apotheke am Rande von Köln" meint. Eine recht nervige, aber offenbar unvermeidliche Notwendigkeit bei entlaufenen Messdienern - also so manchem Kölner Kabarettisten, inklusive Wilfried Schmickler - sind Spitzen gegen die Kirche, auch wenn gerade hier die Witzchen, gelinde gesagt, recht abgestanden sind. Abgesehen davon war es ein gelungener Abend im Kultur-Cafe". S..M.
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