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Interview mit Soziologen Ulrich Beck: Bedrohte Mittelschicht

zuletzt aktualisiert: 04.06.2008

(RP). Bald könnten ganze Bevölkerungsgruppen vom Wohlstand ausgeschlossen sein. Der Soziologe Ulrich Beck nennt im Interview Lösungswege gegen die Zersetzung der gesellschaftlichen Mitte.

Nach einer McKinsey-Studie wird 2020 nicht einmal mehr die Hälfte der Erwerbstätigen das Durchschnittseinkommen verdienen. Wie ist es um die Mittelschicht bestellt?

Beck Wir stehen vor großen Veränderungen. Die Stabilität der gesellschaftlichen Mitte, eine zentrale Voraussetzung für eine stabile Demokratie, steht auf dem Spiel. Probleme, die zuletzt vor der Zeit der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert bestanden, tauchen wieder auf, wie der Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen vom Wohlstand. Eltern müssen erfahren, dass ihre Kinder trotz guter Ausbildung nicht denselben Status halten können wie sie selbst.

Ist das ein deutsches Phänomen?

Beck Nein, die Entwicklung betrifft alle industrialisierten Staaten, darunter die USA, Frankreich, Großbritannien, Osteuropa einschließlich Russland, auch Südamerika. Facharbeiter, Angestellte, Lehrer in all diesen Ländern sehen sich aufgrund unsicherer Arbeitsverhältnisse, steigender Lebenshaltungskosten und schrumpfender Realeinkommen zunehmend in ihrer existenziellen Situation bedroht. Selbst wo die Verhältnisse noch stabil sind, wird die Zukunft als bedrohlich vorhergesehen, und das beeinflusst wiederum Stimmung und Verhalten in der Gegenwart.

Spielt die Alterung in Deutschland eine besondere Rolle?

Beck Lage und Entwicklung sind objektiv gesehen überall in etwa gleich. Aber nach der langen Phase von Wachstum und Wohlstand sind die Stabilitäts-Erwartungen hier höher als anderswo. Daher erleben wir das Gefühl des Abstiegs stärker als andere.

Was sind die Ursachen?

Beck Wir sind mit einer Entwicklung konfrontiert, in der die Sicherheiten des Nachkriegs-Sozialstaates überholt sind. Ein Grund ist, dass der Staat von der weltweiten Standortkonkurrenz der Unternehmen überfordert ist. Der Nationalstaat als Antwort auf soziale Verwerfungen hat ausgedient.

Sie befürchten eine „Brasilianisierung des Westens“. Was heißt das?

Beck In Brasilien sind prekäre Arbeitsverhältnisse und mehrere Jobs parallel schon ganz selbstverständlich. Statt dass sich nun, wie zu erwarten wäre, Brasilien auf Europa zubewegt, geht Europa eher auf Brasilien zu. Wenn wir beispielsweise in Deutschland wieder von Vollbeschäftigung reden, dann nicht vor dem Hintergrund sicherer Berufspositionen, sondern mit unsicheren, temporären und mehreren Beschäftigungen.

Befinden wir uns in einer Art sozioökonomischer Abwärtsspirale?

Beck Die Bürger stehen vor der Entscheidung: Sie können fatalistisch darauf hoffen, dass sich die Probleme durch Wirtschaftswachstum irgendwie von alleine lösen, oder sie überlegen sich eine Alternative.

Welche könnte das sein?

Beck Ein Bündnis kooperativer Staaten. Die Europäische Union würde sofort an Attraktivität gewinnen, wenn sie eine soziale Vision und Mission an die Stelle der Nationalstaaten setzen würde. Mit ist völlig unklar, warum diese Idee in der öffentlichen Diskussion bislang überhaupt keine Rolle spielt.

Liefe das nicht auf einen Supersozialstaat hinaus, in dem Polen oder Portugiesen für unser üppiges Sozialsystem aufkommen sollen?

Beck Derzeit haben wir den Zustand, dass der einzelne Nationalstaat der Globalisierung relativ hilflos gegenübersteht. Das sehen wir an der Diskussion um Mindestlöhne: Die Unternehmen können durch Standortwechsel alle Auflagen unterlaufen. Es müsste also möglich sein, innerhalb Europas zu Lösungen zu kommen, die den Standortwettbewerb zwar nicht ausschließen, aber bei Steuern, Löhnen und Arbeitsbedingungen bestimmte gemeinsame Regeln und Grenzen vorgeben.

Was spricht gegen einen harten Standortwettbewerb der Staaten?

Beck Das ist die neoliberale Position. Die politische Organisation von Freiheit und Grundrechten hatte dagegen immer die Vorstellung, dass Markt und Wettbewerb reguliert werden müssen. Auch in der aktuellen Finanzkrise wird sofort wieder nach Hilfe und Regulierung gerufen, gerade von den Finanzmarktakteuren. Dann werden wieder der Staat und der Steuerzahler herangezogen.

Als Ausweg plädieren Sie für Bürgerarbeit. Was heißt das?

Beck Bürgerarbeit eröffnet den Menschen neben der Erwerbsarbeit eine zweite Perspektive: Ihnen wird ein Grundeinkommen für Arbeiten garantiert, die auf kommunale Belange ausgerichtet sind und von den Bürgern selbst organisiert werden. In vielen Kommunen gibt es solche Projekte schon, finanziert von Landesregierungen, von den Kommunen selbst und teilweise aus eigenen Einnahmen: Bürger organisieren ein Theater oder Café, sie arbeiten mit Einwanderern oder Lernbehinderten zusammen, sie kümmern sich um Umweltbelange. Das schafft Identität und Anerkennung. Auch Arbeitslose sollten ermutigt werden, solche Tätigkeiten zu übernehmen.

Quelle: RP

 
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KlaKoWa | 11.06.08 08:20 (1/1)
Mehrheiten müssen sich organisieren
080611mi0812 Johannes Rau sagte mal: ''Minderheiten müssen sich Mehrheiten verschaffen.'' Ich griff das damals auf - aber wie? Nun, wir leben in einem demokratisch verfaßten Rechtsstaat....
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